Metadata : Fürst Bülows Reden. 3. Band 1907-1909. (3)

316  I..  S.  Whitman.

sie  als  einen  Ausbruch  des  Bismarckschen  Temperaments  aus.  Dein  der
Gedanke,  einen  Botschafter  ins  Zuchthaus  zu  stecken  wic  einen  gemeinen
Verbrecher,  war  unerhört  und  konnte  nur  als  ein  Scherz  betrachtet  werden.
Binnen  6  Monaten  war  Arnim  verhaftet,  der  Prozeß  wurde  ihm  gemacht
und  er  wurde  schließlich  in  contumaciam  zu  5  Jahren  Zuchthaus  verurteilt.“
Fürst  Bülow  fügte  hinzu,  daß  das  natürlich  ein  ertremer  Fall  war,  wie
eben  Bismarck  ein  außerordentlicher  Mann  war  in  der  Starrheit,  mit  der
er  einen  einmal  betretenen  Weg  verfolgte.  Aber  auch  andere,  wenn  auch
weniger  unvergleichlich  als  Bismarck,  würden  von  ihren  politischen  Gegnern
als  für  „ebenso  gut  wie  ihre  Worte“  gehalten.

Daß  das  augenblickliche  gegenseitige  Mißtrauen  zwischen  England  und
Deutschland  offensichtlich  noch  wenig  von  seiner  Stärke  verloren  hat,  ist  ein
Gegenstand  tiefer  Sorge  für  den  deutschen  Kanzler.  Es  war  das  auch  nicht
die  erste  Gelegenheit,  bei  der  er  seine  Meinung  über  diesen  Gegenstand  aussprach.
  Daher  ist  es  auch  nichts  neues,  wenn  ich  sage,  daß  Fürst  Bülow  diese
Animosität  zwischen  Deutschland  und  England,  wer  ihr  auch  sich  hingeben
mag,  beinahe  wie  eine  Art  von  Volkstollheit  ansicht,  die,  wenn  man  sich
darein  verbeißt,  nur  in  endloses  Unheil  für  beide  Länder  auslaufen  kann
allein  zum  Vorteil  für  die  tertii  gandentes.  Er  ist  bestrebt,  was  in  seiner
Kraft  steht  zu  tun,  um  damit  ein  Ende  zu  machen,  aber  seine  Macht  ist
natürlich  begrenzt.  Mit  Bezug  auf  die  englischen  Befürchtungen  vor  einem
deutschen  Angriff  zur  See,  meint  der  Kanzler,  wäre  es  natürlicher  und  daher
entschuldbarer,  wenn  die  Deutschen  fürchten  würden,  angegriffen  zu  werden.

„Sie  haben  niemals  seit  der  Zeit  Wilhelms  des  Eroberers  eine  Invasion
erlebt“,  sagte  er,  „und  ich  kann  Ihnen  versichern,  nicht  zum  ersten
Male  und  nicht  als  deutscher  Kanzler,  sondern  als  ein  Gentleman
  zum  anderen,  daß  niemand,  der  nur  etwas  Verstand  und
Einfluß  in  Deutschland  hat,  daran  denkt,  einen  Konflikt  mit
England  zu  suchen,  geschweige  die  unsinnige  Idec  einer  Invasion
  dort  hat.“  Eine  englische  illustrierte  Zeitung  mit  Zeichnungen,
wie  vermeintliche  deutsche  Spione  sich  in  einem  englischen  Landgasthause
versammelten,  lag  auf  dem  Tische,  und  der  Kanzler  sagte,  darauf  hinweisend,
  daß  die  neulich  verbreiteten  Erzählungen  über  deutsche  Spione
in  England  nur  in  einer  überhitzten  Phantasic  entstanden  sein  könnten.
„Aber  für  uns  Deutsche“,  fuhr  er  fort,  „ist  ein  greifbarerer  Grund  zur  Besorgnis
  vorhanden,  wegen  unserer  exponierten  geographischen  Lage,  ganz
abgesehen  von  unserer  traurigen  Geschichte.  Es  ist  nur  100  Jahre  her“,  sagte
der  Kanzler,  und  zeigte  auf  einc  vor  ihm  liegende  Karte  von  Deutschland,
„da  bildete  das  Stück  Land,  auf  dem  wir  stehen,  ein  Stück  eincs  französischen