Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

Heutsches  Reich.  (Jan.  28.—  Febr.  1.)  53

zu  ihrer  Unterstützung  noch  drei  andere  Vertreter  der  Gewerkschaften  beizugeben.
  Die  Gegenseite  ging  jedoch  darauf  nicht  ein,  sondern  schlug  nunmehr
  vor,  die  Abordnung  aus  je  zwei  Vertretern  der  beiden  Reichstagsfraktionen
  und  aus  drei  der  in  dem  oben  erwähnten  Telegramm  bezeichneten
  Gewerkschaftsfunktionären  zusammenzusetzen.  Unter  den  beiden  Mitgliedern
  der  soz.  Reichstagsfraktionen  sollte  sich  der  Abg.  Bauer  befinden,
der  zwar  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften  angehört,  jedoch  als
Vertreter  der  Parteileitung  an  der  Besprechung  teilnehmen  sollte.  Die  vom
Reichskanzler  vorgeschlagene  Zuziehung  besonderer  Vertreter  der  Gewerkschaftsleitung
  sollte  mithin  unterbleiben.  Der  Reichskanzler  konnte  sich  mit
diesem  Vorschlage  nicht  einverstanden  erklären,  da  die  so  zusammengesetzte
Abordnung  sich  wiederum  als  eine  von  der  Streikleitung  bevollmächtigte
Vertretung  der  streikenden  Arbeiter  darstellte  und  nicht  als  Vertretung  der
Arbeiterschaft  in  ihrer  Gesamtheit.  Infolgedessen  hielt  der  Reichskanzler
an  der  Antwort  fest,  die  er  auf  das  oben  erwähnte  telegraphische  Ersuchen
gegeben  hatte.  Von  der  Gegenseite  wurde  jedoch  erklärt,  daß  unter  diesen
Umständen  auf  den  Empfang  der  Abordnung  verzichtet  werde.  Wie  der
geschilderte  Sachverhalt  ergibt,  ist  die  Regierung  jederzeit  bereit,  berufene
Vertreter  der  werktätigen  Bevölkerung  zu  empfangen  und  mit  ihnen  zu  beraten.
  Als  berufen  zu  solchen  Verhandlungen  sieht  sie  die  Abg.  aller  Fraktionen
  an,  außerdem  für  die  Erörterung  der  besonderen,  die  Berufsinteressen
der  Arbeiter  betreffenden  Fragen  auch  die  Vertreter  der  verschiedenen  gewerkschaftlichen
  Verbände.  Sie  muß  es  aber  als  unvereinbar  mit  dem
Wesen  unserer  staatlichen  Ordnung  ablehnen,  über  politische  Lebensfragen
des  ganzen  Volkes  mit  Vertretern  solcher  Sondergruppen  zu  verhandeln,
die  durch  Niederlegen  der  Arbeit  in  Zeiten  vaterländischer  Not  den  Beweis
dafür  liefern,  daß  sie  den  Ernst  ihrer  schweren  Verantwortung  als  Glieder
der  Gesamtheit  des  deutschen  Volkes  nicht  erkennen.

Am  2.  verbreitet  das  „WTB.“  folgende  weitere  amtliche  Meldung:
Die  Abg.  Ebert,  Haase,  Ledebour  und  Scheidemann  sind  heute  vormittag
vom  Reichskanzler  zu  einer  Besprechung  empfangen  worden,  an  der  auch
dessen  Stellvertreter  v.  Payer  der  Staatssekretär  Wallraf  und  der  Minister
des  Innern  Drews  teilnahmen.  Die  Abg.  unterbreiteten  dem  Kanzler  den
Wunsch,  bei  den  Militärbehörden  darauf  hinzuwirken,  daß  Vertrauensmännern
  der  streikenden  Arbeitergruppen  erlaubt  werden  möchte,  in  einer
geschlossenen  Versammlung  über  die  durch  den  Streik  geschaffene  Lage  zu
beraten.  Der  Reichskanzler  stellte  sich  demgegenüber  auf  den  Standpunkt,
daß  die  Regierung  das  Zustandekommen  einer  Versammlung,  deren  Beschlüsse
  darauf  hinauslaufen  könnten,  gesetzwidrige  Handlungen  gutzuheißen
oder  gar  für  ihre  Fortsetzung  einzutreten,  nicht  befürworten  könne.  Auch
wenn  die  Versammlung  zu  dem  Ergebnis  führen  sollte,  daß  die  Streikenden
aufs  neue  den  Antrag  stellten,  mit  der  Regierung  zu  verhandeln,  würde
sie  die  Lage  nur  weiter  verschärfen,  da  die  Regierung  auf  einen  solchen
Antrag  nur  ablehnend  antworten  könnte.  Solange  deshalb  keine  Gewähr
dafür  vorliege,  daß  die  Besprechung  lediglich  dahin  wirken  werde,  den
Streik  zu  beenden  und  alle  allgemein  politischen  Wünsche  der  Arbeiter
künftig  auf  dem  gesetzmäßigen  Wege  über  die  Volksvertreter  an  die  Regierung
  gelangen  zu  lassen,  könne  diese  den  Vorschlag  der  Abg.  nicht  in
Erwägung  ziehen.

Daß  die  Vorschläge  der  Regierung  nicht  zum  Ziele  führten,  war
durch  die  Stellungnahme  der  Unabh.  Soz.  verschuldet,  die  die  Hinzuziehung
  einer  Vertretung  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften
zu  den  Verhandlungen  mit  dem  Reichskanzler  ablehnten.  Am  5.  erläßt
  darüber  der  Vorsitzende  der  Generalkommission  G.  Bauer  eine