Full text : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

148  Aussprache.

im  Gegensatze  dazu  ein  Herr  Vorredner  vorschlägt,  daß  der  militärische
  Turnunterricht  Reichssache  werden  müsse,  losgelöst  von
jeder  Schulgattung,  jedem  Jugendvereine,  so  stehe  ich  dem  Gedanken
ganz  m  gegenüber,  vorausgesetzt,  daß  das  Reich  die  Mittel
gewähr

Doch  noch  eine  Frage  möchte  ich  kurz  streifen:  Verlieren  nun  wirklich
  die  freien  Jugendvereine  ihre  Mitglieder,  wenn  ihnen  die  militärische
  Erziehung  genommen  ist,  wie  so  oft  von  den  Turn.,  den
Sport-,  den  Jugendvereinen  behauptet  wird?  Ich  glaube  daran
nicht.  Ich  bin  fest  überzeugt,  daß  wenn  ein  Junge  durch  militärisches
Turnen  zweimal  woöchentlich  angeregt  ist  und  er  sich  seiner  ganzen
inneren  Entwicklung  nach  für  das  Turnen  interessiert,  er  nun  gerade
einem  Turnverein,  ein  anderer,  dem  militärisches  Spiel  und  der  Sport
gefallen  hat,  einem  Sportvereine  beitritt,  daß  wieder  andere  Jugendliche,
  die  mehr  für  geistige  Arbeit,  für  Lebensfragen  Interesse  haben,
den  christlichen,  den  Jugendvereinen  beitreten  werden.  Wenn  unsere
Vereine  gut  geleitet  sind,  wenn  wir  mit  der  Jugend  ringen  um  ihr
inneres  Leben,  wenn  wir  wahrhaft  Jugendpflege  treiben,  dann  werden
wir  auch  Mitglieder  in  unseren  Jugendvereinen  haben.

Fräulein  Wilhelmine  Lohmann,  Bielefeld  (Deutscher  Bund
abstinenter  Frauen):  Sehr  verehrte  Anwesende!  Wenn  ich  es  wage,
noch  das  Wort  zu  ergreifen,  so  geschieht  es  mit  Rücksicht  auf  die  Bedeutung
  einer  Aufgabe  der  Jugendvereine,  die  noch  nicht  erwähnt
worden  ist,  die  aber  doch  so  wichtig  ist,  daß  sie  nicht  unerwähnt  bleiben
darf.  Vielleicht  ist  sie  einmal  gestreift  worden  bei  der  Forderung  des
Eintretens  der  Jugendvereine  für  allerlei  hohe  Ideale.  Aber  diese
Aufgabe  sollte  man  nicht  bestimmten  Vereinen  überlassen,  sondern  wir
müssen  sie  als  Forderung  für  alle  Vereine  erheben.  Die  Aufgabe  ist
der  Kampf  der  Jugend  gegen  ihren  schlimmsten  Feind,  gegen  den
Feind,  der  uns  immer  wieder  um  den  besten  Ertrag  unserer  Arbeit
bringen  kann  und  bringt,  und  dieser  Feind  ist  der  Alkohol.  Und  da
soll  man  nun  diesen  Kampf  nicht  als  etwas  Selbstverständliches  hinstellen
  und  ihn  mit  Schweigen  übergehen,  denn  damit  ist  nicht  sehr
viel  geschaffen,  sondern  man  soll  ihn  auffassen  als  eine  bewußte
Kampfstellung  der  gesamten  deutschen  Jugend  und  ihn  zusammenfassen
  in  der  Formel  der  Jugendenthaltsamkeit;  die  Enthaltsamkeit
als  Willensübung  den  Versuchungen  gegenüber,  den  Versuchungen  zu
allem  Schlechten  und  allem  Niedrigen,  und  zwax  soll  diese  Jugendenthaltsamkeit
  ausgeführt  werden  in  Tat  und  Wort,  erstens  durch
das  hohe  Beispiel  der  Jugendleiter,  dann  aber  muß  sie  immer  wieder
durch  die  notwendige  Aufklärung  gestützt  werden.  Diese  Jugendenthaltsamkeit
  schafft  eine  Atmosphäre  der  Reinheit  und  bedeutet  eind
starke  Erziehung  zur  sittlichen  Persönlichkeit,  und  deshalb  müssen
wir  diese  Aufklärung  über  die  Jugendenthaltsamkeit  auch  fordern
für  die  Kurse,  die  für  Jugendpflege  hier  und  da  gehalten  werden.
Da  suchen  wir  in  den  meisten  Programmen  dieser  Kurse  immer  wieder
vergeblich  gerade  nach  einer  Behandlung  dieser  Frage.