Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreißigster Jahrgang. 1914. Erste Hälfte. (55a)

362  Bas  Detsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  21.)

Ich  noch  auf  eines  hinweisen,  von  dem  Ich  glaube,  daß  sich  unsere  Nation
auf  dem  richtigen  Wege  befindet:  Wenn  sie  sich  bestrebt,  die  Hauptleistung
auf  die  Gesamtheit  zu  übertragen,  die  große  Masse  auf  ein  hohes  Niveau
zu  bringen,  und  nicht  die  einzelnen  erstklassigen  Leistungen  aus  einem  im
allgemeinen  niedrigeren  Niveau  sich  herausschälen  zu  lassen.  Unser  Wassersport,
  dem  wir  alle  huldigen,  und  der  uns  auch  heute  wieder  in  diesem
gastlichen  Heim  zusammengeführt  hat,  hat  auch  wieder  eine  neue  Jacht
unter  Meiner  Flagge  erscheinen  sehen,  und  es  ist  ihr  geglückt,  den  Preis
des  Hamburger  Staates  zu  gewinnen,  für  welche  Ehre  Ich  besonders  erfreut
  danke.  Sie  ist  entsprungen  dem  Gedanken  eines  deutschen  Schiffbauers
der  Hansestadt,  und  sie  ist  entstanden  aus  kunstfertigen  Händen  auf  der
bewährten  Schiffswerft  des  Herrn  Krupp  an  der  Waterkant.  Auch  dies  ist
ein  Beweis  für  den  Fortschritt  und  die  Entwicklung  unserer  Technik,  welche
nur  möglich  war  in  der  langen  Friedenszeit,  die  uns  nach  aufregenden
kriegerischen  Jahren  beschieden  worden.  Sie  ist  gewissermaßen  ein  Sinnbild
  des  Friedens,  den  ja  auch  der  Kaufmann,  der  Bankier,  der  Reeder
braucht,  um  sich  zu  entwickeln,  und  den  sie  ja  in  so  großartiger  Weise.
jeder  in  seiner  Art,  ausgenutzt  haben.  Ich  glaube  wohl,  im  Sinne  aller
hier  versammelten  Herren  zu  sprechen,  wenn  Ich  der  Hamburg-Amerika-Linie,
  bei  der  wir  heute  wiederum  auf  diesem  schönen,  altbewährten  Schiff
vereinigt  sind,  noch  einen  besonderen  Dank  ausspreche  für  den  Tag,  den
sie  uns  neulich  beschert  hat.  Auch  ein  Erzeugnis  langer  Friedenszeit,  lief
vor  wenigen  Tagen  der  „Bismarck“  vom  Stapel,  das  größte  Schiff,  das
augenblicklich  auf  dem  Wasser  schwimmt.  Darüber  herrscht  wohl  unter  uns
allen  kein  Zweifel,  daß  dies  kein  gewöhnlicher  Stapellauf  war,  sowohl  im
Hinblick  auf  die  Klasse  und  Größe  des  Schiffs,  als  in  bezug  auf  die  Stimmung
  aller  Zuschauer.  Die  Hamburg-Amerika-Linie  hat  durch  den  Baudieses
  Schiffes  uns  die  Möglichkeit  gegeben,  einen  großen  nationalen  Festtag
  zu  erleben.  In  dem  Augenblick,  als  dort  diese  30000  Tons  ins  Wasser
hinabglitten,  da  fiel  es  uns  allen,  die  dabei  waren,  und  allen  anderen,  wie
wir  uns  jetzt  überzeugen  können  aus  den  Stimmen,  die  aus  dem  ganzen
Lande  zu  uns  herüberschallen,  wie  Schlacken  herab;  der  Neid,  die  Kleinlichkeit,
  die  täglichen  Kämpfe  verschwanden,  alle  Herzen  schlugen  höher  und
dachten  der  großen  Zeit  und  der  großen  Männer,  die  in  ihr  wirkten,  des
Großen  Kaisers  und  seines  eisernen  Ratgebers.  An  uns  ist  es,  dafür  zu
sorgen,  daß  das,  was  uns  überkommen  ist,  von  uns  weiter  verwaltet  werde;
daß,  wie  wir  in  unseren  einzelnen  Bestrebungen  und  wie  wir  bei  unseren
sportlichen  Veranstaltungen  alle  unsere  Kräfte  zusammennehmen  und  anspannen,
  um  das  Ziel  zu  erreichen  —  so  wir  auch  im  Großen  das  gleiche
für  unser  Vaterland  tun.  Wir  müssen  in  der  Lage  sein,  eines  der  besten
Worte,  das  der  eiserne  Kanzler  je  geprägt  hat,  tatsächlich  auf  uns  zu  übertragen
  und  auszuführen,  das  heißt,  wir  müssen  so  leben  und  handeln,  daß
wir  allezeit  mit  ihm  sagen  können:  Wir  Deutschen  fürchten  Gott  und  sonst
absolut  nichts  und  niemanden  auf  der  Welt.  (Stürmisches  Bravo!)  In
diesem  Sinne  erhebe  Ich  Mein  Glas  und  fordere  Sie  auf,  mit  Mir  auf
den  Hamburger  Staat,  den  Norddeutschen  Regattaverein  und  die  Hamburg=Amerika-Linie
  zu  trinken:  Hurra,  hurra,  hurra!“

21.  Juni.  Beginn  der  Hauptversammlung  des  Reichsverbands
der  Deutschen  Presse  in  Leipzig.  Aus  den  Verhandlungen  ist  besonders
  folgendes  von  allgemeiner  Bedeutung.

Aus  den  Ausführungen  des  Chefredakteurs  MarxBerlin:  „Es  ist
sicher,  daß  die  deutsche  Presse  im  ganzen  durchaus  friedliebend  ist.  Auch