Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veutsches  Reich.  (März  20.—21.)  323

von  Resolutionen  angenommen,  zu  denen  ich  schon  in  der  Kommission  mehr
oder  weniger  Stellung  genommen  habe.  Die  Gesichtspunkte,  von  denen
geraus  diese  Wünsche  geäußert  worden  sind,  weiß  ich  durchaus  zu  würdigen.
as  den  Wunsch  anbetrifft,  die  Wochenhilfe,  die  den  Kriegerfrauen  zugebilligt
  ist,  auch  auf  die  Frauen  der  zum  Hilfsdienst  Berufenen  auszudehnen,
  so  habe  ich  mich  damals  mit  dem  Reichsschatzsekretär  in  Verbindung
gesetzt,  und  ich  konnte  mitteilen,  daß  finanzielle  Gesichtspunkte  in  diesem
Falle  hinter  den  wichtigeren  Gesichtspunkt  der  Förderung  des  Bevölkerungszuwachses
  und  einer  gesunden  Arbeiterschaft  zurückzutreten  haben.  Auf  dieser
Grundlage  wird  geprüft  werden,  wie  weit  und  in  welchem  Umfange  sich
dieser  Wunsch  erfüllen  läßt.  Es  liegt  zwar  noch  kein  Beschluß  des  Bundesrats
  vor,  aber  ich  zweifle  nicht,  daß  der  Bundesrat  die  Gründe  für  eine
solche  Gleichstellung  zu  würdigen  weiß.  Weiter  ist  verlangt  worden  eine
Erhöhung  der  Alters-,  der  Invaliden-,  Hinterbliebenen-  und  Unfallrente.
Diese  Wünsche  können  in  diesem  Umfange  nicht  erfüllt  werden.  Dagegen
wird  geprüft  werden,  in  welcher  Form  die  Bestimmungen  des  Bundesrats
auf  die  Stellenlosen  und  Arbeitsunfähigen  ausgedehnt  werden  können,  um
auch  ihnen  diese  Wohltaten  zugute  kommen  zu  lassen.  Bezüglich  der  Gewährung
  von  Familienunterstützungen  haben  wir  uns  von  Anfang
an  bei  unseren  Anweisungen  an  die  Stellen,  die  über  die  Bedürftigkeit  zu
entscheiden  haben,  dafür  ausgesprochen,  daß  sie  ohne  Engherzigkeit  bei  der
Feststellung  der  Bedürftigkeit  verfahren.  Auf  der  anderen  Seite  sind  wir
aber  einfach  nicht  in  der  Lage,  zuzusehen,  daß  zahlreiche  Frauen,  die
arbeiten  können,  auf  Grund  der  Familienunterstützung  nicht  arbeiten.
Die  Klagen  darüber  sind  nicht  gering,  sie  sind  zahlreich,  sie  haben  sich
vermehrt,  trotzdem  der  Zwang,  jede  verfügbare  Arbeitskraft  zur  Verfügung
  zu  haben,  gestiegen  ist.  Klagen  hierüber  sind  uns  von  neuem  zugegangen,
  auch  von  solchen  Stellen,  deren  soziales  Empfinden  über  jeden
Zweifel  erhaben  ist  und  bei  denen  eine  Ausnutzung  der  Arbeitskraft  zu  selbstsüchtigen
  Zwecken  von  vornherein  ausscheidet.  Dieser  Gedanke  hat  auch  mir
und  der  Reichsleitung  bei  dem  Rundschreiben  an  die  Bundesregierungen  über
diese  wichtige  Frage  völlig  fern  gelegen.  Der  Wortlaut  des  Rundschreibens
ergibt  dies  zur  Genüge.  (Der  Staatssekretär  verliest  dieses  Schreiben  und
unterstreicht  namentlich,  daß  die  Entziehung  der  Unterstützung  nur  solchen
Frauen  gegenüber  angewendet  werden  soll,  die  sich  zu  arbeiten  weigern,  obwohl
  sie  und  ihre  Kinder  körperlich  dazu  imstande  sind  und  auch  in  ihren
häuslichen  Verhältnissen  abkömmlich  sind.  Den  Lieferungsverbänden  wird
eingeschärft,  nicht  engherzig  zu  verfahren  und  den  Frauen  die  Unterstützung
um  den  Nebenerwerb  nicht  zu  kürzen,  sie  ihnen  vielmehr  auch  dann  zu  belassen,
  wenn  die  Bedürftigkeit  nicht  ganz  zweifellos  festgestellt  ist.)  Dieser
Erlaß  ist  die  Sprache  einer  zwingenden  Notwendigkeit,  und  ich  halte  ihn
aufrecht.  Ich  freue  mich,  darauf  hinweisen  zu  können,  daß  die  Befürchtungen,
  die  man  über  die  Folgen  der  beschränkten  Ernährung  und  der
starken  Arbeitsbelastung  hatte,  nicht  eingetreten  sind.  Die  dem  Reichsgesundheitsamt
  zugehenden  Berichte  lauten  im  großen  und  ganzen  nicht
allzu  pessimistisch.  Der  Gesundheitszustand  ist  den  gegebenen  Verhältnissen
  entsprechend  ein  unerwartet  guter.  Dazu  hat  wohl  auch  die
Einschränkung  im  Genuß  des  Alkohols  sehr  viel  beigetragen.  Erfreulich
ist  vor  allem,  daß  die  Kindersterblichkeit  prozentual  weiter  zurückgegangen
ist.  Die  Säuglingssterblichkeit  ist  geringer  prozentual  als  je  in  einem
Friedensjahre.
Ich  sprach  von  der  Notwendigkeit,  alles  verfügbar  zu  machen,  was  wir
an  Arbeitskräften  besitzen.  Auf  Grund  dieser  intensiven  Anspannung  unserer
Arbeitskräfte  ist  es  uns  gelungen,  bisher  durchzuhalten,  und  wir  werden

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