Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Mitte
August

438  Viertes  Buch.  III:  Der  Entscheidungskampf.

auf  die  Westfalen  und  schlugen  sie  vollständig  und  zwar  mit  großem  Blutvergießen,
  da  die  Holsteiner  wilde  und  blutdürstige  Männer  waren.  Demnoch
fiel  auch  eine  starke  Anzahl  Gefangener  in  die  Hände  der  Sieger,  unter  ihnen
Graf  Simon  von  Teckelnburg.  In  Ketten  gelegt  und  dann  vor  den  Herzog
geführt,  zeigte  er  sich  reumütig  wegen  seines  Abfalles  und  schwor  ihm  von
neuem  Treue.  Hierauf  ließ  Heinrich  ihn  wieder  frei  und  hatte  durch  diesen
Edelmut  sich  den  treuesten  Diener  gesichert.  Mehrere  der  geschlagenen  Großen
flüchteten  zum  Kaiser').

Aber  bei  weitem  mehr,  als  dieser  Sieg  dem  ringsumstellten  Löwen  nützen
konnte,  schadete  ihm  seine  eigene  Heftigkeit  und  Rücksichtslosigkeit.  Obwobl
er  den  Zug  nach  Westfalen  gar  nicht  mitgemacht,  forderte  er  doch  alle  Gefangenen
  für  sich,  was  in  Hinsicht  auf  das  hohe,  für  ihre  Freilassung  zu  erwartende
  Lösegeld  von  großer  Wichtigkeit  war.  Der  stets  treue,  Heinrich
sehr  ergebene  Gunzelin  von  Schwerin  und  einige  andere  Führer  gaben  auch
dem  Wunsche  sofort  Folge,  aber  besonders  der  junge  Graf  Adolf  von  Holstein
weigerte  sich  dessen.  Er  habe  seine  Mittel  in  diesem  Feldzuge  erschöpft,  deshalb
  wolle  er  auch  den  Vorteil  daraus  für  sich  haben.  Bald  kam  es  zu  emnsten
Streitigkeiten.  Gunzelin,  früher  ein  Freund  Adolfs,  der  aber  wohl  Eifersucht
auf  den  Mächtigeren  hegte,  benutzte  jetzt  dessen  Ungnade  und  klagte  ihn  vor
dem  Herzog  selbst  an,  als  ob  Adolf  gegen  alle  Anhänger  Heinrichs  Ubles  im
Schilde  führe.  Des  Grafen  Abfall  sei  neuerdings  durch  die  Weigerung,  die
Gefangenen  herauszugeben,  ganz  offenbar  geworden.  Adolf  widersprach
natürlich  heftig  und  wies  auf  alles  hin,  was  er  schon  für  den  Herzog  getan.
Die  Gefangenen  könne  er  nicht  herausgeben,  ohne  sich  ganz  zugrunde  zu
richten.  Der  Herzog  bestätigte  zwar  die  Treue  Adolfs,  sorderte  aber  noch  einmal
  die  Auslieferung  der  Gefangenen,  schon  um  das  böse  Beispiel  zu  vermeiden.
  Darauf  wollte  der  Graf  nicht  eingehen  und  weinend  beklagte  ersich
bei  seinen  Frcunden  über  die  ihm  von  Gunzelin  und  Heinrich  zugefügte
Schmach.  Da  er  Heinrichs  Grimm  gegen  sich  bemerkte,  forderte  er  von  ihm
Urlaub;  und  nachdem  er  diesen  erhalten,  eilte  er  mit  vielen  Anhängern  zum
Kaiser'“).  Durch  diesen  Abfall  des  Holsteiners  wurden  die  Machtmittel  des
Herzogs  sehr  vermindert:  wenigstens  suchte  Heinrich  ihn  ganz  unschädlich  zu
machen,  indem  er  sein  Land  besetzte.  Er  ging  unverzüglich  über  die  Elbe,  eloberte
  schnell  die  Festung  Plön  und  stellte  dann  den  Landesältesten  Martrad,
einen  Angehörigen  des  mächtigen  Geschlechts  der  Annos?““)  und  beständigen
Gegner  der  Schauenburger,  als  Verboden  an  die  Spitze  der  Holsten.  D-—

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*)  Sie  wohnen  am  18.  August  dem  Reichstag  zu  Werle  in  torritorio  Haluers  tatensi
bei:  Lacomblet,  Niederrhein.  Urkdb.  I,  S.  336.  .
")Schonam18·AugustetscheintekalsZeugeaufdetAnmekkunglzitietten  laiserlichen
  Urkunde.  —  Arn.  Lubio.  a.  a.  O.  int
we)  Waitz,  Schleswig-Holsteins  Geschichte  I.  S.  61.  —  Schon  im  Jahre  1148  erscheim!
in  einer  Urkunde  Heinrichs  des  Löwen  als  erster  testis  ce  numero  Holsa  torum
Marcadue  signifer  provinciae;  Westphalen,  Monumenta  inedita  German  ise
P.  20.