Contents : Der Mündliche Vortrag. Erster Teil. Die reine und deutliche Aussprache des Hochdeutschen. (1)

Die  Zungenbuchstaben.  33

§  55.  Das  l  entsteht,  wenn  man  die  Zungenspitze  an  den
vordern  Teil  des  Gaumens  andrückt  und  den  Atem  ausströmen
läßt.  Es  tönt  fort  und  ist  selbst  ohne  Vokal  hörbar.  Als  der
schmelzendste  (liquideste)  Konsonant  verbindet  es  sich  einfach  und
verdoppelt  leicht  mit  den  meisten  anderen  Konsonanten,  und  seine
Aussprache  hat  keine  Schwierigkeiten.

§  56.  Das  n  entsteht  ebenfalls  durch  Andrücken  der  Zungenspitze
  an  den  vordern  Teil  des  Gaumens,  wobei  aber  die  Luft
durch  die  Nase  ausgestoßen  wird.  Diese  Eigentümlichkeit  hat
das  u  mit  dem  m  gemein.  Das  n  tönt  fort,  selbst  ohne  Vokal.
Es  gehört  zu  den  schmelzenden  Buchstaben  und  verbindet  sich,
einfach  und  verdoppelt,  leicht  mit  anderen  Konsonanten.  Während
das  m  etwas  schweres  in  seinem  Laute  hat,  besitzt  das  u  etwas
scharfes,  worauf  bei  der  Aussprache  geachtet  werden  muß.  Steht
das  n  in  Zusammensetzungen  vor  b,  p  oder  m,  so  verwischt  die
Umgangssprache  meist  seinen  eigentümlichen  scharfen  Laut  und
läßt  ihn  zu  dem  schwerern  des  m  werden.  Anbauen,  anmerken
  klingt  meist  wie  ambauen,  ammerken.  Der  Ubergang
  von  m  nach  b,  p  und  m  ist  für  die  Zunge  bequemer,  als
der  von  n  nach  diesen  Buchstaben.  Dies  muß  vermieden  und
der  scharfe  Laut  des  u  erhalten  werden.

Ubung.  —  Anbeißen,  anmachen,  anpassen,  einbrechen,  unmännlich,
  anbieten,  einmachen,  Inbegriff,  unmaßgeblich,  anbohren,  Einmarsch,
Inbrunfst,  unmäßig,  anblasen,  einmauern,  unbändig,  anmaßend,  einbinden,
  unmenschlich,  anbrechen,  einmaischen,  unbarmherzig,  anmauern,
einbiegen,  unmerklich,  anpacken,  einmengen,  unbedeckt,  anmelden,  Einband,
ummittelbar,  anbohren,  einmieten,  unbedingt,  anmerken,  einbringen,
mmmöglich,  anbrennen,  einmünden,  unbequem,  anmessen,  einblasen,  unmündig,
  einmütig,  anpflanzen,  unberechnet,  unmutig,  anpochen,  einbringen,
  anprallen,  unbekannt,  einmengen,  einpacken,  anmutig,  einpfählen,
ummittelbar,  anputzen,  unbekannt,  einmummen,  einpflanzen,  unbiegsam,
einpökeln,  unblutig,  einpfropfen,  unbemerkt,  einprägen,  unbelehnt,  einpressen,
  unbekleidet,  einpumpen,  unbewußt.

§  57.  In  der  häufig  vorkommenden  Formsilbe  „nen“
pliegt  die  Umgangssprache  das  e  zu  verschlucken.  Scheunen,

einen  klingt  dann  wie  Scheun'n,  dein'n.  Das  muß  vermieden
  werden.

§  58.  Der  gelinde  Zischlaut  s  entsteht,  wenn  man  die
Zungenspitze  dicht  hinter  den  Zähnen  andrückt  und  den  Atem
leise  duch  die  Zähne  ziche  läßt.  Das  scharfe  ss  entsteht  durch
stärkeres  Andrücken  der  Zunge  und  stärkern  Hauch  des  Atems.
Venedix,  Mündl.  Vortrag.  I.  7.  Aufl.  #