Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

474  Nebersicht  der  polilischen  Estwichelung  des  Jahres  1877.

Reichsstelle  mit  großen  Ansprüchen,  aber  ohne  Macht,  geschaffen
wurde,  so  daß  arbeitsame  Beamte  von  Selbstgefühl  darin  nicht  ausharren
  konnten.  Es  ist  für  mich  ein  niederdrückendes  Gefühl,  keinem
der  Ansprüche,  die  ich  und  mit  Recht  auch  die  Welt  an  mich  stellt,
gewachsen  zu  sein.  In  einer  ähnlichen  Lage  würden  die  Reichsminister
  sein.  Sie  würden  im  Durchschnitt  jenen  hochverehrten  ostasiatischen
  Persönlichkeiten  ähnlich  sein,  die  äußerlich  in  großbem  Ansehen
  stehen,  aber  keine  Macht  haben;  denn  der  Taikun  würde
immer  in  den  Partikularstaaten  stecken.  Es  würden  eben  Minister
sein,  die  in  keinem  Particularstaat  eine  bestimmte  Wurzel  hätten;
sie  würden  ganz  allein  auf  die  Reichsgewalt  angewiesen  sein,  und
das  eigentliche  praktische  Leben  würde  sich  außer  ihrer  Betheiligung
bewegen  und  zwar,  wie  ich  glaube,  in  rein  particularistischem  Sinne.
Dieser  wurzellosen  Reichsprätension  gegenüber  würde  sich  der  Reichsparticularismus
  ganz  fest  schließen,  Preußen  an  der  Spitze,  und  der
erste  und  mächtigste  Widersacher  des  Reichsfinanzministers  würde  der
preußische  Finanzminister  sein.  Die  Erfahrung  ciner  langen  Zeit
hat  mich  gelehrt,  daß  die  höheren  Reichsbeamten  im  preußischen
Ministerium  sitzen  und  stimmen  müssen,  um  gewissermaßen  diesen
Hauptparticularisten  für  das  Reich  zu  gewinnen;  also  daß  man  den
Stab  über  die  Mauern  wirft  und  gewissermaßen  in  Feindesland  die
Reichsfahne  aufpflanzt,  wenn  ich  Feindesland  ein  Collegium  nennen
darf,  dessen  Vorsitzender  ich  selbst  bin  und  in  dem  ich  bisher  der  Einzige
  war,  der  den  wirklichen  Amtsberuf  hatte,  Reichsgedanken,  Reichspolitik
  zu  vertreten.  Die  anderen  Herren  hatten  ihr  Ressort  und,
wenn  es  hoch  kam,  die  preußischen  Interessen  amtlich  zu  vertreten,
womit  ich  nicht  sagen  will,  daß  sie  nicht  in  ihrem  Herzen  deutsche
Patrioten  waren;  denn  der  deutsche  Beamte,  dem  geht  die  Gewissenhaftigkeit
  über  das  Herz  und  er  treibt  das,  was  seines  Amtes  ist
und  worauf  er  geschworen  hat,  zuerst,  und  wenn's  Herz  dabei  auch
bricht,  das  national  gesinnte.  Das  Reich  kommt  für  einen  Minister,
der  nur  ein  preußischer  ist,  immer  erst  in  zweiter  Linie.  Nehmen
Sie  das  nicht  so  streng,  als  wenn  ich  Preußen  allein  anklagen  wollte.
Ich  fühle  mich  nur  nach  meiner  preußischen  Höflichkeitspflicht  berechtigt,
  gegen  meine  eigene  Familie  etwas  gröber  aufzutreten,  als
gegen  die  weiteren  Vettern;  aber  ganz  gewiß  ist  es  nach  meiner
Ueberzeugung,  daß  ich  den  Haupteinfluß,  den  es  mir  vergönnt  ist
zu  üben,  bisher  nicht  in  der  kaiserlichen,  sondern  in  der  königlich
preußischen  Macht  gefunden  habe.  Ich  habe  es  versucht:  ich  habe