Full text : Erinnerungen des Kronprinzen Wilhelm.

zunehmen  und  die  seit  den  Tagen  des  Burenkrieges  und
der  voreiligen  Krüger-Depesche  (deren  Zustandekommen
man  übrigens  völlig  zu  Unrecht  dem  Kaiser  zuschiebt!)
aufgesprungene  Kluft  unüberbrückbar,  so  blieb  als  an—
derer  in  Frage  kommender  leistungsfähiger  Verbündeter
in  Europa  nur  Rußland.  Standen  wir  mit  Rußland  im
Bunde,  so  konnte  England  sich  niemals  in  einen  Krieg  mit
uns  einlassen  —  mehr  noch,  es  mußte  zufrieden  sein,  wenn
dieser  Bund  nicht  die  englische  Herrschaft  in  Indien
bedrohte.  Somit  mußte  alles  aufgeboten  werden,  um
den  nach  Bismarcks  Ausscheiden  mit  unserer  Kündigung
des  Rückversicherungsvertrages  gerissenen  Draht  wieder
anzuknüpfen,  die  russisch-französische  Allianz  zu  lockern
und  Rußland  für  ein  Zusammengehen  mit  uns  zu  ge—
winnen.  Auch  das  war  sicher  kein  leichtes  Werk;  aber
es  blieb  doch  Aussicht  auf  sein  Gelingen  bestehen,  wenn
wir  Rußlands  Wünschen  auf  die  Dardanellen  und  den
persischen  Meerbusen  unterstützend  entgegenkamen.  Ich
sprach  damals  mit  türkischen  Politikern  über  diese  Frage
und  fand  sie  dem  Gedanken  der  freien  Durchfahrt  durch
die  Dardanellen  durchaus  nicht  unzugänglich.  Auch  von
seiten  unseres  Bundesgenossen  Osterreich-Ungarn  würde
ein  Widerstand  gegen  diese  Lösung  kaum  zu  fürchken
gewesen  sein.  Hier  schien  mir  also  ein  Anknüpfungspunkt
  zu  liegen.

Frankreich  schied  seit  der  im  Frühsommer  19o0s  endgültig
  verpaßken  Möglichkeit,  zu  einer  restlosen  Verständigung
  mit  dem  nach  Rußlands  ostastatischer  Schwächung
  entgegenkommenden  Kabinekte  Rouwier  zu  gelangen,
  bei  all  diesen  Erwägungen  von  Bündnisfragen
aus.  Durch  geschickte  Züchtung  des  alten  Revanchegedan-80