Welche gesetzl. Einrichtungen sind f. d. Erziehung d. Heranwachsenden notwendig? 95
Oberbürgermeister Cuno, Hagen: Meine Damen und Herrenl!
Wie den letzten beiden Rednerinnen hat auch mir die Forderung von
Fräulein Dr. von Harnack nach Verlängerung der Schulzeit um ein
halbes Jahr zum Zwecke des hauswirtschaftlichen Unterrichts zur
Wortmeldung Veranlassung gegeben. Fräulein Dr. von Harnack
hat in ihren Ausführungen, die vielleicht nicht so gemeint waren, wie
ich sie verstanden habe, die Bedeutung verkannt, die der Haushaltsunterricht
in der Volksschule hat. Sie will ja diesen Haushaltsunterricht
aus der Volksschule hinauslegen und ihn in dieses verlängerte
Halbjahr zu der jetzigen Schulzeit hineinlegen, und sie sprach
dabei davon, daß der Haushaltsunterricht in der Volksschule den
Wissensunterricht der Mädchen beeinträchtige und sie gewissermaßen
gegenüber den Knaben um ein halbes Jahr benachteilige, weil sie
statt Wissensunterricht den Haushaltsunterricht bekommen. Ja, meine
Damen und Herren, das ist doch, glaube ich, eine gewaltige Überschätzung,
die alte Überschätzung des Wissensunterrichts gegenüber
dem praktischen Unterrichte, die wir doch eigentlich seit Kerschensteiner
überwunden glaubten. Fuür mich ist der Kochunterricht in
der Volksschule angewandter naturkundlicher Unterricht, ein Unterricht,
der zusammen mit dem Nähunterrichte den Handfertigkeitsunterricht
der Mädchen darstellt. Ganz klar ist mir, daß der einoder
zweijährige hauswirtschaftliche Unterricht der Mädchen von 13
oder 14 Jahren in der Volksschule niemals die perfekte Hausfrau erzielen
kann, wie Fräulein von Harnack sie wünscht, aber dann
schließe ich auch daraus, daß ebenso wenig aus einer halbjährlichen
Verlängerung der Schulzeit durch hauswirtschaftlichen Unterricht
dieser Erfolg erwartet werden kann, denn dann sind die Mädchen von
14 Jahren auch noch zu jung dazu, und ich kann mir nicht vorstellen,
daß ein hausmütterlicher Unterricht von 28 Stunden an Mädchen von
14 Jahren einen dauernden Erfolg haben kann. Nach meiner
Meinung würde am wunschenswertesten der hauswirtschaftliche Unterricht
in dem letzten Jahre der Fortbildungsschule sein, wo die Mädchen
schon ein Verständnis dafür haben, was ihnen für Aufgaben
bevorstehen. Aber ich sehe die Schwierigkeiten vollständig ein, die
dem entgegenstehen wegen der Notwendigkeit der Ausbildung für
den Fachberuf, und deswegen ist — ich gebe das Herrn Geheimrat
v. Seefeld jetzt zu; ich habe früher widersprochen — der Weg, der
in Preußen eingeschlagen worden ist, in der Fortbildungsschule den
hauswirtschaftlichen Unterricht neben den Fachunterricht zu setzen und
die ganzen drei Jahre der Fortbildungszeit durchzuführen, trotz
mancher Schwierigkeiten der gegebene Weg, auf dem wir wenigstens
den Mädchen etwas von dem hausmütterlichen Unterrichte beibringen
können. Die Schwierigkeit liegt ja darin, daß, wenn wir gleichzeitig
auch noch die körperliche Ertüchtigung der Mädchen fordern, wir zu
einer erheblich längeren Fortbildungsschulzeit der Stundenzahl nach
für die Mädchen kommen, als wir sie für die männliche Jugend
fordern. Aber bei der Doppelaufgabe, die wir nun einmal bei den
Mädchen zu lösen haben, ist es, glaube ich, der einzige Weg.