Rosenhei
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Amlliches Publikakions-Organ
Samstag, 5. Jannar 1918
Rosenheimer Tagblakt
Prot.: Simeon 1 64. Jahrgang
Teilnahme der Westmächte an den Verhandlungen?
En russischer Vorschlag, die Verhandlungen ins neutrale Ausland zu verlegen, durch die Mittelmächte abgelehat.
Die Friedensverhandlungen im Hauptausschuß des Reichstags. — Zulassung der Polen zu den Verhandlungen in Brest-Litowsk.
Die Lossagung Litauens von Rußland. — Gerüchte über eine Mobllisierung Japans.
dle ehernen Würfel.
Rosenheim, 4. Januar.
Mit blitzartiger Flüchtigkeit sind in den letzten
dreieinhaib Jahren Ereignisse an uns vor-Ubergeeilt,
die vorher kaum den Zeitraum mehrerct
Jahrh##nderte aus#ufüllen vermochten.
Daz riesenhafte Geschehen des Weltkrieges ist
in so rascher Folge über uns hereingebrochen,
daß sich unsere Siune abgestumpit haben für
die ringelnen Episoden des blutigen Dramas.
Die alte Ersahrungstatsache bewahrheitet sich
auch h.erin, daß nicht nur überfeinerter Sinnengenuß
abstumoft. sondern daß auch eine
unnnteibrochene Folge slärkster seelischer Erschütterungen
den empfindlichen Apparat unserer
Secele in seiner Schwingfähigkeit beeinträchtigt.
Es ist in unseren Tagen schon so weit Ll
men, dase man sich über rein gar nichts mehr
wendert: leine gewonnene Sacht, keinc polit.=sche
Wendung. sa vicifach laum noch die Nach-
richt vom Schlochtentod einco lieben Angehöri.
gen vermögen uns in unserer Scele Tiefen auf. D
zurütlenn.
Und so ist es auch wieder in diesen eriten
Tagen des laum begonnenen Jahres: der dritte,
vierte und fünfte Januar Jind von so grohser
Bedeutung für den Ausgang des Krieges:
und das Schicksal des ganzen Monschengeschlechte:
wie kaum eine osponnes seitdem man
uberhaupt Geschichte schreibt.
Wenige sind es,
dungeschwere der Gegenwart vo'l erfassen. Und
doch ist ce gerade in der nahen Zulunft vonndten,
unser ganzes Deuken und unsere volle
Kraft auf die klommenden Dinge zu, vereinigen.
Da war einmal am 2. Januar beim Kaiser
eine wichtige Beratung, zu der Hindenkurg und
Jedoch nur ganz
die die gewaitige Entscheic
l
Ludendorff aus dem Großen Hauptauartier
befohlen worden waren. Außerdem erschienen
Reichskanzler Graf von Hertling, die Staatssekretäre
Graf Roedern und von Kühlmann zu
gemeinsamem Vortrag. Diese Beratung trug
nahezu den Charakter eines Kronrates. Am
„Vormittag hatte sich bereits der Bundeskatsuusschuß
für auswärtige Angelegenheiten unter
5 Vorsitz des bayerischen Ministerpräsidenten
von Dandl versammelt. Und endlich jagt seit
gestern der Hauptausschuß des Reichstags. Es
Handelte um die Beratung der Maßmahmen,
die zur Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen
mit Ruhland am morgigen Tage zu ergreifen
sind. Gestern war für die Entente die
von den Bolschewiki feslgelegte Frift abgelaufen,
bis zu der sie sich zu entscheiden hatte, ob
sie sich mit an den Verhandlungstisch setzen
will oder nicht. Wie diese Entscheidung aussiel
werden wir schon in den nächsten Stunden
erfahren. Ganz allmählich scheint sich bei den
Westmächten eine Rückkehr zur besseren Einsicht
zu vollziehen. Der Mitteilung eines führenden
englischen Blattes, daß man die in Brest-Litowsk
aufgestellten Leitlätze für den Frieden
„prüfen“ woile, folgt heute schon über Rußland
die Nachricht, doß man nunmehr bei unsern
übrigen Feinden geneigt sei, sich mit an den
Friedensverhandlungen zu beteiligen. Di- Meldungen
sind allerdings noch mit gr urückhaltung
aufzunehmen. Grunde, sich Ent an
einer Friedensbesprechung zu beleiligen, sind
. ür. die Entente genug vorhanden; mag sie es
elleickt in erster A#nie darauf obgesehen haben,
das Zustandekommen eines Sonderfr iedens
mit Rußland zu verelteln, so
wird sie sich doch sagrm daß ihr in Brest-Litowsk
die letzte Gelegenheit geboten ist, ziem-
lich heil aus dem gefährlichen Abenteuer zu
kommen.
Und gerade nach dieser lehteren Richtung hin
längt für die Zukunft dis s deuische n Volkes von
den Dingen der nächsten Tagen ungeheuer vieles
ab. Denn nun wird es sich entscheiden, ob
un einen Frieden dekommen, den manche Kreise
als einen sch merzlichen Verzicht anseben, oder
ch in etlichen Wochen das Ringen im Westen
mit neuer, unerhörter Wucht einsetzen wird, dem
dann allerdings ein Frieden folgen muß, der
unsere Feinde empfindliche Einbußen kostet.
Vielleickt sind die ehernen Würfel schon gefallen.
Für uns ergibt sich daraus das Gebot,
sich mit seelischer Stärke zu wappnen, damit
wir das Kommende mit der Würde erteagen,
die cinem le: ner Zeit wirdigen Volke allein
siebt - .
Dle dle Itledensberhandlungen.
Teilnahme der Westmächte
an den Verhandlungen.
s. Petersburg, 3. 1. Der Petersburg. Berichterstafter
v. „Huvudstadt Dagbl.“ mel,
det aus guter Quelle, die Westmächte
seien bereit, an den Friedensverbandlungen
teil3zunehmen. Di#
den Westnrächtevertretern nahellehenden
Kreise erkären, man sehe leinen anderen
Auoweg, als gemeinsam mit Rusz-
Zulassung der Polen
au den Verhandlungen.
° Verlin. J. 1. (Privattelegramm.) Zu dem
Wunsch der polnischen Regierung, an den Friedensverhandlungen
teilzunehmen, wird gemeldet,
daß es den Polen ermöglicht werden soll,
uu den Veratungen von Sonderfragen bei den
Friedensverhandlungen von Fall zu Fall je
nach dem Gang der Verhandlungen Sachverständi
ge zu schi clen.
Der Hauptausschuß des Neichstags
un d die Friedeusverhandlungen.
Berlin, 3. 1. Der Hauptausschuss des
Reschstags trat heute nachmittag nach langerer
Pause wieder zusammen. Erschienen waren von
der Regierung Reichslanzler Graf Hertling,
Staatelelretare und Bevo'lmäch-igte zum Bunesrat,
von den Müigliedern des Reichstage
Präsident Dr. Kämpf und zahlreiche Abgeordnete
als Zuhörer.
I
I
«
I
Nach den Einleitungsworten des Vorsitzenden
Abg. Fehrenbach ergriff der Reich s kanzler
das Wort. Er begrühte cs mit Befriedigung,
daß durch den Zusammentritt des Hauptausschusses
die Möglichkeit gegeben ist, zulschen der
Reich-leitung und der Volksvertretung vertrauensvoll
über die wichtigen und folgenschweren
Entscheidungen in Verbindung zu treten, die gegenwürtig
zu erörtern sind. Die Regierung werland
die Friedensverhandlungen einzulei,
ten. Diese Aeußerungen slammen aus maß.-gebenden
Botschafterkreisen. Buchanan
soll in seinem letzten Bericht an Llond Ge
orge auf das Wünschenswerte eines derartigen
Schtittes lingewiefen haben.
s. Berlin, 3. 1. Nach einer Rotterdamer
Meldung der „B. Z. am Mittag“ bildet
dort das allgemeine Tagesgespräch auf den
Straßen und in den öffentl. Lokalen das
Reutertelegramm, wonach England, Amerika,
Frankreich und Italien im Gedanlenaustausch
stehen, weil das Angebot
der Zentralmächte, selbst mit Czernins Bedingungen,
unter Umständen auch für die
Entente annehmbar wäre.
—
Da die der Entente von der russischen Reaber
ein großes Interesse daran hat, einen Sonderfrieden
Rußlands mit den Miltelmächten zu
hintertreiben, kann damit gerechnet werden, daß
noch irgend ein Schritt erfolgt. An unsferer
Clsherigen Beurteilung der Gesamtlage vermag
das aber nichts zu ändern, es sei denn, die in
der letzten Meldung angedeutete Auffassung der
Entente von der Annehmbarkeit der von den
Mittelmächten und ihren Verbündeten zugestandenen
Friedensgrundlagen beruhe auf der Ueberzeuqung
Englands und seiner Genossen und
auf deren ehrlichem Willen, zum Frieden zu
lommen. Das wird sich indes wohl bald zeigen.
« Brest-Litomsk.
* Wien, 3. 1. Der Minister des Aeußern.
Graf Chernin ist heute mit Begleitung zu
Fortsetzung der Konferengen nach Brest- Es
abgere r
de diese Gelegenheit benutzen, um Mitteilungen
über die bisherigen Friedensverhandlungen zu
machen und Waünsche und Anregungen der
Vokklsvertreter enigegenzunehmen. Der Staatsselretär
des Auswärtigen Amtes sei gestern nach,
nur zweitägigem Aufenthalt in Verlin wieder
nach Brest-Litowsl zurückgekehrt. Zu seinem Beo—
dauern tönne er daher nicht seibst über den
heebrr")2 . Verhandkungen mit Rufland
berichten. Statt seiner werde der Unternatsselrbeär
im Buswärtigen Amte Frhr.
von dem Bussche die Aufgabe ubernehmen.
Keine Einberufung
. dchcichstach.
«B»lin.3.1.DckAclteftkuauzs
schun des Reichstaces hielt nachm. eine längere
Sitzung ab, um sich über die Geschäftslage
des Reichstages zu beraten. Es kam eine Einigung
der Mehrheit dahin zustande, daß die
Vollversammlung des Reichstages vorerst
nicht einberufen werden soll, dagegen
wird der Hauptausschuß heute und in den
nächsten Tagen zu den altuellen politischen
Fragen Stellung nelmen. Zunächst sind vier
Tage dafür in Aussicht genommen. Die Sitzun,
, Ken sollen nicht von allzulanger Dauer sein, dagierung
gestellte Frist heute abläuft, England
mit die drattionen Zeit zur Beratung haben.
die Lage in Raßland.
Die Lossagung Eitaens
ußland.
* Berlin, 3. 1. Der Ekenne litauische Nationalrat
in der Schweiz, der von sämtlichen litauischen
Organisationen in Litauen, selbst
Rußland, Amerika und der Schweiz als oberste
Vertretung des litauischen Volkes eingesetzt worden
ist, hat soeben folgenden Beschluß gefaßt:
In der Errägung. 1. daß Litauen vom 13.
b. zum 18. Jahrhundert unabhängig gewesen
ist. 2. daß Litauen nach seiner dewaltfamen
Einverleibung in Rußland nie ausgehort
hat, seine Unabbängigkeit zu fordern, selbst mit
Waffengewalt in den Jahren 1830, 1863 und
1905, 3. doß Litauen 120 Jahre lang durch das
#
1
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Jarentum schimpflich unterdruckt und mißhandelt
worden ilt und dah nach der Revolution
die provisorische Regierung selbit seinen nationalen
Ansprüchen keinerlei Rechnung getragen
Lat, obrrohl sich Litauen der provisorischen Regierung
unmitteibar nach ihrer Einietzung angeschlossen
hat, (Erllärung vem Apr'] 19170, 4.
daß der gegenwartig größere Teil Lilauens von
den Deutichen eieh ist, daß ganz Rußland kraft
der durch die letzten Ereignisse geschaffenen
neuen Lage sich in der Unmoglichkeil sieht, seine
Nechte und Pflichten gegenüber dem li#auischen
Volle wahr unehmen, daß anderer eite das
litanische Volk trrnz der ein „Jahrhundert lang
ertragenen Unterdrückung b.s zum heutigen Tage
nie aufsgel ort hat, seinen Aerpflichungen
heen dem russischen Staat loyal nachzukommen,
beschließt der obersic Inauische Nalionalrat als
Träger und getreuer Wacke ner der Döchsten Interessen
des Landes: I. Tas litauische Volk
letrachtet uch schon icht als aller VBande
negemn den russisch en Staat ledig. 2
unter Anrufung des von den Mäckten anerlannten
(„Srundsauzes, daß alle Volker über ihr Schicksal
selb't zu bestimmen hüben, hat daz litanische
Volk das Recht und die Pflicht, seinn Schicksal
selibst in die Hand zu nehmen und seine Unabhängigkeit
zur Aterlernung durch die
Mäckte zu bringen. »
Einiussifdsiiiiiuixziskli»«rKonflikt.
*aag. 3. 1. Reuter meidet aue Petershurg:
DLie Volle lammimare erhiclten ein Lelegramm
aus Kischineu. #onach die Rumänen
die Stadt Leomo am Pruth und einige andere
Stadte in Bessarablen besehten. Melrrere Nebo#uticndre
seien erschoifen worden. Die Rada
der Ukraine habe den Rumanen die notigen Elsenbahnlinien
zur Verfügung gestellnn. Wie die
„Agence Havas'“ aus Pelersburg erfahrt, richteie
Trotzki vor drei Tagen an den ##möbis
schen Gesandten eine Norc, in der er ihn ersuchte,
innerhalb 2 Stunden Erllärungen über
die Besetzung des Ortes Leomo sowie anderer
Orich aften Beisarab'ens durch rumaniscke
Truppen ab ugeben. Der Gesandte erliärte,
dah er von der erräh. iten Tatsach c keine Kenntnie
habe, machte aber seinerseits auf Ne ssch
reitungen aufmerlsam, deren sich ir e ruischen
Soldaten in Rumänien schuldig machten, wo
ganze Divisionen Dorser geplundert und in
Brand gesetzt hätten.
A b j i ch t en.
** Haag, 3. 1. „Daily Mail“ erfahrt, daß
der japanische Gesandte in Peling sich nach Tolio
begeben habe, um mit seiner Regierung
zu konferieren. Gerüchtweise verlautet. Jopan
mache in Erwariung von Ereignissen in
Ostrußland mobil. China werde den Schutgz
der Interessen der Alli#erten in der Nordmandschurei
Ubernehmen.
Japans
Die Rriegslage.
Der Krieg im Eisaß. ½
Basel, 2. 1. Am Montag herrschte während
des ganzen Tages ein starkes Artilleriefeuer
von der Schweiszer Grenze bis Altkirch,
wobei namentlich die beiden Städte Pfirt und
Altkirch aufs neue in heftigster Weise beschossen
wurden, ohne daß das franz. Artilleriefeuer
merklichen Schaden angerichtet hätte.
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