Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

486  Mebercht  der  polilischen  Gutwicelung  des  Jahres  1877.

jede  Erschütterung  seiner  Gesundheit  zugleich  eine  Erschütterung  nicht
nur  unseres  Organismus  an  sich,  sondern  selbst  der  Verfassungsmäßigkeit
  unserer,  bis  jetzt  noch  von  uns  anerkannten  Einrichtung
ist.  Wenn  aber  das  wirklich  der  Fall  ist,  so  würde,  wie  ich  meine,
jede  Rücksichtnahme  auf  die  sonst  wohlberechtigte  Courtoisie  für  uns
zur  Pflichtwidrigkeit  werden,  wenn  wir  nicht  offen  und  frei  die  Lehre
daraus  zögen,  die  die  Reichskanzlerkrisis  auf's  neue  in  uns  erzeugt
hat:  die  vollkommene  Unhaltbarbeit  des  Organismus  unserer  obersten
  Reichsbehörde.  Ich  glaube  hiefür  keinerlei  Beweis  antreten  zu
müssen.  Jenes  Gefühl  der  Unsicherheit,  welches  durch  alle  Parteien
hindurchklingt,  es  ist  Beweis  genug  und  nichts  hat  mehr  eine  Verurtheilung
  dieses  Organismus  bieten  können,  als  die  Aufnahme,
welche  die  verschiedenen,  durch  die  Zeitungen  colportirten  Vorschläge
über  die  Nachfolger  des  Fürsten  Bismarck  gesunden  haben.  Es
waren  darunter  höchst  angesehene  Würdenträger  des  Reichs,  verdienstlich
  im  Krieg  und  im  Frieden  wie  in  der  parlamentarischen
Berathung,  und  doch  würde  fast  jeder  von  uns,  wenn  er  vor  die
Frage  gestellt  würde,  ob  einer  derfelben  wohl  die  colossale  Last,
welche  jetzt  auf  dem  Reichskanzler  ruht,  tragen  könnte,  ein  gewisses
Lächeln  nicht  unterdrücken  können,  und  alle  diese  verdienten  Männer
stehen  geradezu  in  Gefahr,  eine  groteske  Person  zu  werden.  Dieser
Eindruck  ist  vielleicht  ein  persönliches  Loblied  für  die  persönliche
Kraft  des  Reichskanzlers,  aber  wahrhaftig  auch  zugleich  die  schwerwiegendste
  Verurtheilung  der  Organisation.  Ich  habe  nach  wie  vor
die  Ueberzeugung,  daß  von  einer  richtigen  gesetzlichen  Organisation
jedes  weitere  Fortschreiten  in  einer  gesunden  Entwickelung  unseres
deutschen  Reiches  bedingt  ist  und  daß  wir  den  größten  Gefahren
ausgesetzt  sind,  wenn  wir  nicht  in  guten  Zeiten  an  die  Reorganisation
  gehen.  Ich  kann  für  diese  dringende  Nothwendigkeit,  die  zu
betonen  gerade  der  geschlossenen  Reichskanzlerkrisis  gegenüber  nicht
nur  unser  Recht,  sondern  auch  unsere  schwer  wiegende  Pflicht  ist,
nach  wie  vor  keine  anderen  Formen  finden,  als  die  allbekannten
und  von  uns  vertheidigten:  die  gesetliche  Organisation  eines  Reichsministeriums.“
  Die  Fortschrittspartei  hatte  sogar  diese  Forderung
in  einer  Refolution  aussprechen  und  es  darüber  zu  einem  förmlichen
Beschlusse  des  Reichstags  bringen  wollen.  Diese  Absicht  scheiterte
jedoch  daran,  daß  die  maßgebende  nationalliberale  Partei  sich  entschieden
  geweigert  hatte,  zu  einem  solchen  Beschlusse,  obgleich  sie
materiell  damit  einverstanden  war,  in  Abwesenheit  des  Reichskanz-