Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

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484  Meber##t  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahrer  1877.

des  Jahres  stattgefundenen  Neuwahl  der  II.  Kammer  die  Majorität,
freilich  nur  eine  Majorität  von  1  oder  2  Stimmen,  errang.  Immerhin
  schwoll  ihm  dadurch  der  Kamm  so  sehr,  daß  in  der  I.  Kammer
Sachsens  sofort  sehr  taktlose  und  ungegründete  Ausfälle  gegen  Preußen
und  die  preußische  Jusliz  fielen,  die  der  Präsident  nicht  einmal  zu
rügen  für  angemessen  hielt.

Es  ist  wohl  begreiflich,  wenn  diese  Vorgänge  und  der  geringe
Anklang,  den  seine  Ideen  oder  Pläne  bezüglich  einer  festeren  Organisation
  des  Reichsregimentes,  freilich  in  etwas  anderer  Weise,  als
es  sich  die  Parteien  nach  constitutionellen  Theorien  zu  denken  gewohnt
  waren,  vorerst  wenigstens  im  Reichstage  zu  finden  schienen,
den  Reichskanzler  verstimmten.  Am  1.  April,  an  welchem  er  sein
60.  Lebensjahr  vollendete,  bat  er  ganz  unerwartet  den  Kaiser  um
Entlassung  von  allen  seinen  Aemtern  und  Würden,  wozu  ihm  seine
allerdings  erschütterte  Gesundheit  freilich  den  nächsten  Antrieb  und
zugleich  Vorwand  gab.  Allein  wie  hätte  sich  der  Kaiser  von  seinem
Kanzler  trennen  können?  Daran  war  in  der  That  von  vomneherein
gar  nicht  zu  denken,  zumal  im  Augenblicke,  da  der  Krieg  zwischen
Rußland  und  der  Pforte  im  Begriff  war  auszubrechen  und  Deutschland
  die  große  Aufgabe  zufiel,  sein  Möglichstes  zu  thun,  um  denselben
  nicht  alsbald  zu  einem  allgemeinen  europäischen  sich  erweitern
zu  lassen.  Der  Kaiser  schlug  die  Bitte  ohne  alles  Bedenken  ab  und
der  Kanzler  fügte  sich  neuerdings,  erhielt  dagegen  einen  Urlaub  auf
unbestimmte  Zeit.  Die  öffentliche  Meinung  war  inzwischen  geradezu
consternirt,  bald  aber  darüber  einig,  daß  Fürst  Bismarck,  so  lange
er  Überhaupt  lebt,  unmöglich  ganz  von  den  Geschäften  zurücktreten
kann  und  darf:  was  jedem  andern  Moanschen  beschieden  ist  oder  beschieden
  sein  sollte,  im  Alter  auszuruhen,  ist  ihm,  dem  Schöpfer  des
neuen  deutschen  Reichs,  nicht  beschieden.  Die  Nation  ist  von  ihm,
wie  er  selbst  gesagt  hat,  in  den  Sattel  gesetzt  worden:  aber  kann
sie  nun  auch  schon  reiten?  Noch  nicht  so  recht;  das  mußte  sie  sich
selbst  gestehen  und  Fürst  Bismarck  konnte  es  kaum  läugnen.  Allein
indem  er,  obgleich  in  seiner  Gesundheit  schwer  erschüttert,  sich  entschloß,
  an  der  Spitze  der  Reichsregierung  zu  bleiben,  war  er  doch
ganz  und  gar  nicht  etwa  gemeint,  mit  seiner  durch  ein  arbeitsvolles
und  aufreibendes  Leben  geminderten  Kraft  lediglich  zu  leisten,  was
er  noch  leisten  könne,  ohne  sich  allzusehr  anzustrengen.  Es  hätte  das  in
keiner  Weise  einer  so  energischen  Natur,  einer  so  ausgeprägten,  vollen
Individualität,  wie  es  die  seinige  ist,  entsprochen.  Was  die  öffent-