Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiundzwanzigster Jahrgang. 1907. (48)

112  Dos  Neuiscze  Keich  und  seine  einteluen  Glieder.  (Mai  3.  4./7.)

zu  setzen,  denn  die  Kaufleute  wollen  Geschäfte  treiben,  selbständig  werden
und  viel  Geld  verdienen,  das  kann  man  ihnen  hier  nicht  bieten.  Worauf
es  aber  ankommt,  ist,  daß  die  Bedürfnisse  der  einzelnen  Berufsarten  gegenseitig
  verstanden  werden.  Deswegen  habe  ich  angeregt,  die  jungen  Kaufleute,
  welche  wir  in  die  Kolonien  schicken,  eine  Zeitlang  vorher  in  die
Zentralverwaltung  zu  stecken,  und  umgekehrt  mit  den  jungen  Juristen  zu
verfahren,  die  zunächst  eine  Zeitlang  die  kaufmännische  Praxis  kennen  lernen
sollen.  Eine  gewisse  Bureaukratie  muß  existieren,  auch  in  den  Kolonien.
Wogegen  ich  mich  hier  gewehrt  habe,  das  ist  nicht  die  Bureaukratie,  sondern
  das,  was  Sie  den  Assessorismus  genannt  haben,  eine  gewisse  Ueberhebung
  und  Machtfülle,  welche  sich  bei  jungen  Leuten  zeigt,  die  plötzlich
aus  enger  Heimat  in  einen  weiten  Wirkungskreis  versetzt  sind,  und  eine
gewisse  subalterne  Reglementierungssucht  derer,  die  schon  Afrika  erobert  zu
haben  glauben,  wenn  sie  es  genügend  mit  Papier  reglementiert  haben.
Unsere  Kolonien  möchte  ich  vergleichen  mit  einer  Eisenbahnvorlage.  Ihren
Unterbau  muß  die  Bureaukratie  bieten;  es  muß  alles  verständig  und  überlegt
  gebaut  und  die  Richtung  festgelegt  sein.  Ist  die  Verwaltung  derartig
gestaltet,  dann  wird  auch  der  Zug  der  Entwicklung  sich  sicher  vorwärts  bewegen.
  (Lebhafter  Beifall.)

In  der  Diskussion  greift  Abg.  Bebel  (Soz.)  die  Freisinnigen  an
wegen  ihrer  kolonialfreundlichen  Haltung.  Abg.  Müller-Meiningen  (sr.
Vp.)  erwidert:  Damit  die  Sozialdemokratie  ein  für  allemal  weiß,  woran
sie  mit  uns  ist,  wiederhole  ich  und  stelle  fest:  Wir  werden  alles  bewilligen,
um  den  deutschen  Kolonialbesitz  festzuhalten.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)  —
Die  Kommissionsbeschlüsse  werden  gegen  Zentrum,  Polen  und  Sozialdemokraten
  angenommen.  An  die  Spitze  der  Schutztruppe  wird  ein  Offizier
in  der  Stellung  eines  Regimentskommandeurs  gestellt.  Mit  großer  Mehrheit
  wird  angenommen  die  Resolution  Ablaß:  Den  Herrn  Reichskanzler
zu  ersuchen,  alsbald  das  über  das  Eingeborenenrecht  in  den  deutschen  Schutzgebieten
  vorhandene  Material  sammeln  und  sichten  und  eine  authentische
Sammlung  der  Rechtsgebräuche  der  Eingeborenen  herstellen  zu  lassen.

3.  Mai.  (Hessen.)  Die  Zweite  Kammer  fordert  Entschädigung
  für  Schöffen  und  Geschworene  und  die  Heranziehung  von
Vertretern  der  minder  bemittelten  Volksklassen.

3.  Mai.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  genehmigt
in  zweiter  Beratung  die  Novellen  zu  dem  Gesetz  betreffend  die
Pensionierung  der  Lehrer  und  Lehrerinnen  an  den  öffentlichen
Volksschulen,  und  zu  dem  Gesetz  betreffend  die  Fürsorge  für  die
Witwen  und  Waisen  der  Lehrer  an  öffentlichen  Volksschulen.

Die  Vorlagen  entsprechen  dem  bereits  beratenen  Pensions--  und
Reliktengesetze  für  die  unmittelbaren  Staatsbeamten;  insbesondere  wird  die
Lehrerpension  gleichfalls  auf  2/0  des  Gehalts  vom  zehnten  Dienstjahre
ab  erhöht  und  steigt  bis  zu  1/80.

4./7.  Mai.  (Reichstag.)  Krisis  im  Präsidium.

In  der  Besprechung  des  Kolonialetats  wird  Abg.  Ledebour  (Soz.)
vom  Vizepräsidenten  Kämpf  (fr.  Vp.)  dreimal  zur  Ordnung  gerufen.  Auf
die  Anfrage  des  Präsidenten,  ob  dem  Redner  das  Wort  zu  entziehen  sei,
entscheidet  das  Haus  gegen  die  Rechte  und  Nationalliberalen,  daß  der
Redner  weiter  sprechen  soll.  —  Infolgedessen  legt  Kämpf  das  Vizepräsidium
nieder.  Am  7.  wird  er  wiedergewählt  und  nimmt  die  Wahl  an.