112 Dos Neuiscze Keich und seine einteluen Glieder. (Mai 3. 4./7.)
zu setzen, denn die Kaufleute wollen Geschäfte treiben, selbständig werden
und viel Geld verdienen, das kann man ihnen hier nicht bieten. Worauf
es aber ankommt, ist, daß die Bedürfnisse der einzelnen Berufsarten gegenseitig
verstanden werden. Deswegen habe ich angeregt, die jungen Kaufleute,
welche wir in die Kolonien schicken, eine Zeitlang vorher in die
Zentralverwaltung zu stecken, und umgekehrt mit den jungen Juristen zu
verfahren, die zunächst eine Zeitlang die kaufmännische Praxis kennen lernen
sollen. Eine gewisse Bureaukratie muß existieren, auch in den Kolonien.
Wogegen ich mich hier gewehrt habe, das ist nicht die Bureaukratie, sondern
das, was Sie den Assessorismus genannt haben, eine gewisse Ueberhebung
und Machtfülle, welche sich bei jungen Leuten zeigt, die plötzlich
aus enger Heimat in einen weiten Wirkungskreis versetzt sind, und eine
gewisse subalterne Reglementierungssucht derer, die schon Afrika erobert zu
haben glauben, wenn sie es genügend mit Papier reglementiert haben.
Unsere Kolonien möchte ich vergleichen mit einer Eisenbahnvorlage. Ihren
Unterbau muß die Bureaukratie bieten; es muß alles verständig und überlegt
gebaut und die Richtung festgelegt sein. Ist die Verwaltung derartig
gestaltet, dann wird auch der Zug der Entwicklung sich sicher vorwärts bewegen.
(Lebhafter Beifall.)
In der Diskussion greift Abg. Bebel (Soz.) die Freisinnigen an
wegen ihrer kolonialfreundlichen Haltung. Abg. Müller-Meiningen (sr.
Vp.) erwidert: Damit die Sozialdemokratie ein für allemal weiß, woran
sie mit uns ist, wiederhole ich und stelle fest: Wir werden alles bewilligen,
um den deutschen Kolonialbesitz festzuhalten. (Lebhafter Beifall rechts.) —
Die Kommissionsbeschlüsse werden gegen Zentrum, Polen und Sozialdemokraten
angenommen. An die Spitze der Schutztruppe wird ein Offizier
in der Stellung eines Regimentskommandeurs gestellt. Mit großer Mehrheit
wird angenommen die Resolution Ablaß: Den Herrn Reichskanzler
zu ersuchen, alsbald das über das Eingeborenenrecht in den deutschen Schutzgebieten
vorhandene Material sammeln und sichten und eine authentische
Sammlung der Rechtsgebräuche der Eingeborenen herstellen zu lassen.
3. Mai. (Hessen.) Die Zweite Kammer fordert Entschädigung
für Schöffen und Geschworene und die Heranziehung von
Vertretern der minder bemittelten Volksklassen.
3. Mai. Das Preußische Abgeordnetenhaus genehmigt
in zweiter Beratung die Novellen zu dem Gesetz betreffend die
Pensionierung der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen
Volksschulen, und zu dem Gesetz betreffend die Fürsorge für die
Witwen und Waisen der Lehrer an öffentlichen Volksschulen.
Die Vorlagen entsprechen dem bereits beratenen Pensions-- und
Reliktengesetze für die unmittelbaren Staatsbeamten; insbesondere wird die
Lehrerpension gleichfalls auf 2/0 des Gehalts vom zehnten Dienstjahre
ab erhöht und steigt bis zu 1/80.
4./7. Mai. (Reichstag.) Krisis im Präsidium.
In der Besprechung des Kolonialetats wird Abg. Ledebour (Soz.)
vom Vizepräsidenten Kämpf (fr. Vp.) dreimal zur Ordnung gerufen. Auf
die Anfrage des Präsidenten, ob dem Redner das Wort zu entziehen sei,
entscheidet das Haus gegen die Rechte und Nationalliberalen, daß der
Redner weiter sprechen soll. — Infolgedessen legt Kämpf das Vizepräsidium
nieder. Am 7. wird er wiedergewählt und nimmt die Wahl an.