Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

Bei  einem  Rückblick  auf  das  erste  Jahr  seit  der  Berufung
Bülows  auf  den  Staatssekretärposten  finden  wir  also,  daß  alles
vortrefflich  gegangen  war.  Die  Gunst  des  Kaisers  hatte  sich  er—
halten  und  fing  an,  sich  zu  einem  wahren  Vertrauensverhältnis
zu  gestalten.  Vor  dem  Lande  führte  in  auswärtigen  Angelegen—
heiten  der  Staatssekretär  allein  das  Wort.  Reichstag  und  Presse
waren  fast  einstimmig  im  Lob  der  rhetorischen  Talente  des  neuen
Staatssekretärs.  Eine  grollende  Fronde  gab  es  nicht  mehr.  Bald
nach  dem  ersten  Auftreten  im  Reichstage  schrieben  die  Bismarck—
blätter,  daß  die  korrekten  Erklärungen  Bülows  stellenweise  an  die
Sprache  unter  dem  alten  Kurse  erinnerten  (Hamburger  Nachrichten)
  und  daß  die  Vertretung  der  auswärtigen  Angelegenheiten
in  die  besten  Hände  gelegt  sei  (Münchener  Allgemeine  Zeitung).

Das  Leben  schien  nur  freundliches  Lächeln  für  Bülow  zu
haben.  Mit  dem  Verdienst  hatte  sich  Glück  verkettet.  Mit  dem
Reichstage,  der  vor  fünf  Jahren  seine  Tätigkeit  mit  der  Genehmigung
  der  Caprivischen  Wehrvorlage  begonnen  hatte,  war  der
für  den  Schutz  der  deutschen  Interessen  inn  Auslande  notwendige
Ausbau  der  Flotte  ungehindert  durch  das  Budgetrecht  auf  eine
feste  gesetzliche  Grundlage  gestellt  worden.  Die  Entsendung  eines
Teils  der  Kriegsflotte  nach  Kiautschou  hatte,  wie  es  in  der  Rede
des  Kaisers  zum  Schluß  des  Reichstags  (6.  Mai  1898)  hieß,  den
lang  gehegten  und  wohl  berechtigten  Wunsch  nach  einem  kommerziell
  entwicklungsfähigen  und  militärisch  gesicherten  Stützpunkt  in
Ostasien  ohne  nachhaltige  Trübung  unserer  Beziehungen  zu
anderen  Staaten  erfüllt.  Die  Zertrümmerung  der  spanischen
Kolonialmacht  in  dem  Kriege  mit  den  Vereinigten  Staaten,  in  dem
wir  neutral  bleiben  konnten  und  mußten,  eröffnete  die  Aussicht
auf  den  friedlichen  Erwerb  einer  Inselgruppe  in  der  Südsee.  Das
zeitweilige  Ausscheiden  Deutschlands  und  Österreich-Ungarns  aus
dem  Konzert  der  Mächte  wegen  der  Wahl  des  Prinzen  Georg
von  Griechenland,  des  ehemaligen  Reisegefährten  des  Thronfolgers
Nikolaus  in  Ostasien,  zum  Gouverneur  der  autonomen  Insel  Kreta
hatte  der  Freundschaft  mit  Rußland  keinen  Abbruch  getan.  Von
dem  französischen  Nachbar  war  nichts  zu  fürchten,  sein  inneres
Leben  wurde  noch  immer  von  dem  Dreyfusskandal  beherrscht,  der
im  Zolaprozeß  seine  häßlichste  Gestalt  annahm,  und  im  Hinter-15