III. Die Schwankungen der Verfassungofrage. 110
mäßig junges Aggregat von vielen einzelnen, durch Erbschaft,
Kauf und Eroberung zusammengebrachten Provinzen. Die in
einigen von diesen vorhandenen Stände kamen nur als örtliche
Korporationen in Betracht. Sie waren wohl geeignet, an der
Provinzialverwaltung teilzunehmen, konnten dagegen auf die
allgemeinen Angelegenheiten nur lähmend und störend einwirken.
Für Stein war also das Ziel, auf das die politische
Entwickelung Preußens gerichtet werden mußte, schon damals
der Uebergang von dem absoluten Königtum zum Repräsentativsystem:
er war der intellektuelle Urheber desselben für Preußen.
Wie er sich die Ausführung gedacht hat, ist nicht sicher
erkennbar. In der Denkschrift über die zweckmäßige Bildung
der obersten und Provinzialbehörden, die er zu Nassau 1807
ausarbeitete und als Programm mit nach Memel brachte
(Bd. III, S. 433), sprach er zwar nicht ausdrücklich von der
Notwendigkeit einer Repräsentatioverfassung, empfahl aber
doch im allgemeinen, die Regierung möge sich durch die Kenntnisse
und das Ansehen aller gebildeten Klassen verstärken, indem
sie diese durch Ueberzeugung, Teilnahme und Mitwirkung
bei den Nationalangelegenheiten an den Staat knüpfe. Das
wird um so mehr auf eine Nationalrepräsentation gedeutet
werden dürfen, als er selbst bezeugt, damals sei der König der
Bildung von Reichsständen geneigt gewesen. Auch hatte dieser
in einem zur Veröffentlichung bestimmten Aufsatz, den der
Freiherr ihm im September 1808 zur Billigung vorlegte, keinen
Anstoß an den Worten genommen, bei der Entwerfung des
Planes für die Neugestaltung der Zivilverwaltung sei man „von
einem repräsentativen System ausgegangen“, das der Nation
wirksamen Anteil an der Gesetzgebung sichern und so Gemeinsinn
und Liebe zum Vaterlande dauerhaft begründen solle. Und
als Stein im November 1808 dem Zusammenwirken seiner
einheimischen Gegner mit den fremden Gewalthabern weichen
mußte, fand in seinem von Schön aufgesetzten politischen
Testament (Bd. III, S. 468), das er seinen bisherigen Mitarbeitern
als Programm für die Zukunft hinterließ, auch die
Forderung einer allgemeinen Nationalrepräsentation ihren Platz.
Wie er sich deren Einrichtung dachte, bleibt freilich unklar,