Full text : Archiv für öffentliches Recht.Sechzehnter Band. (16)

176  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  5—6)

Orientirung  dienen,  aber  daß  sie  nicht  die  Herrschaft  üben  über  den  Abgeordneten.
  Der  Wähler  hat  ein  Recht  auf  einen  unabhängigen,  auch  von
der  überlegenen  Beredsamkeit  weder  beeinflußten,  noch  eingeschüchterten  Vertreter.
  Also  ich  erwähnte,  daß  mein  System  dahin  gehen  würde,  daß  auch
die  Landtage  durch  Reichsgesetz  genöthigt  werden,  diesem  selben  System  zu
folgen  und  dann  wird  auch  die  Priorität  des  Reichsbudgets  zu  erreichen  sein;
das  Reichsbudget  von  1881/82  oder  von  1881/83  wird  die  Unterlage  sein
für  das  Landesbudget  1882/84  und  so  werden  sie  eines  in  das  andere  greifen
und  sich  rechtzeitig  ergänzen  und  corrigiren.  Die  finanzielle  Schwierigkeit,
die  der  Herr  Vorredner  dabei  fand,  kann  ich  doch  in  dem  Maße,  wie  er  sie
schilderte,  nicht  anerkennen.  Wir  haben  früher  manches  derartige  überwunden,
  es  gibt  auch  in  einzelnen  Bundesstaaten  mehrjährige  Budgets,  und
ich  habe  nicht  gehört,  daß  deren  Finanzen  schlechter  verwaltet  werden,  als
die  anderen,  vielleicht  im  Gegentheil.  Wenn  man  durch  die  Uebertreibung
und  „Häufung  der  parlamentarischen  Sitzungen  und  durch  die  Uebertreibung
der  Dauer  der  einzelnen,  denen  die  etwas  andere  Beschäftigung  haben,  denen
die  nicht  bloß  fruges  consumere  nati  sind,  die  nicht  bloß  von  Gehalt  und
Capital  leben,  wenn  man  denen  die  Betheiligung  schwer  macht,  dann  wird
man  mit  der  Zeit  dahin  kommen,  daß  die  parlamentarischen  Versammlungen
nur  eine  neue  Species  der  Bureaukratie  werden,  daß  wir,  wie  wir  erbliche
  Beamtenfamilien  haben,  so  auch  erbliche  Parlamentarierfamilien  haben
werden,  die  von  Hause  aus  ihr  Studium  darauf  richten  und  die,  wie  der
Volksmund  sich  ausdrückt,  sagen:  „Ich  will  Abgeordneter  lernen“  (Heiterkeit),
und  wenn  man  findet,  daß  dieses  Gewerbe  doch  auch  seinen  Mann  nährt  —
meine  Carrière  ist  ja  auch  lediglich  eine  parlamentarische,  von  mir  hätte
niemand  etwas  erfahren  in  meiner  ländlichen  Zurückgezogenheit,  wenn  ich
nicht  zufällig  Mitglied  des  vereinigten  Landtags  von  1847  gewesen  wäre,
also  ich  rechne  mich  immer  ein,  wenn  ich  von  Parlamentariern  rede.  Aber
diese  Bureankratie  weiter  hinaus  auszudehnen  und  auch  als  einen  Zweig  der
Reichs-  und  Landesverwaltung  hinzustellen,  der  mit  der  misera  contribuens
plebs,  welche  schafft  und  arbeitet,  und  wagt,  und  wettet,  und  gewinnt  oder
verliert,  wenig  Berührungspuncte,  und  namentlich  nicht  die  gemeinsame
Denkungsweise  hat  —  denn  der  beste  Beamte,  dessen  Großvater  und  Vater
Beamter  war,  dessen  ganze  Erziehung  darauf  gerichtet  war,  weiß  ganz  bestimmt
  nicht,  wie  dem  Mann,  der  nicht  Beamter  gewesen  ist,  in  seinem  Hause
und  in  seinem  Wesen  zu  Muth  ist.  Wir  haben  das  früher  auf  dem  Lande
gehabt;  wenn  die  Herren  Regierungsräthe  kamen,  um  practische  Dinge  zu
untersuchen,  so  hatte  jedermann  den  Eindruck:  na,  recht  viel  versteht  er  nicht
davon,  aber  es  war  eine  Beruhigung  zu  sehen,  wenigstens  tennt  er  kein
anderes  Bestreben,  als  zu  finden  was  hier  Rechtens  ist.  Das  ist  leider  etwas
in  den  Hintergrund  getreten  durch  manche  neuere  Einrichtungen;,  die  ehrliche
rechtliche  Ueberzeugung,  der  dringende  Wunsch  zu  finden,  wer  Recht  hat,  ist
unserer  Verwaltungsbureaukratie  vollständig  treu  geblieben  und  auch  vom
Parteiwesen  noch  heute  nicht  so  beeinflußt  wie  andere  Kategorien.  Nun  weiß
ich  nicht,  ob  ich  die  mannichfach  und  mir  im  Mund  des  Herrn  Vorredners
durch  ihre  Schärfe  unerwarteten  Ausstellungen,  die  er  an  der  Vorlage  und
an  der  Tendenz  derselben  machte,  in  der  ganzen  Politik  der  Regierung,  indem
  er  sie  als  die  Ursache  des  Zurückgehens  des  öffentlichen  Interesses
am  Deutschen  Reich  anführte,  ob  ich  die  werde  alle  beleuchten  können;
obschon    ja  der  Herr  Vorredner  nach  seiner  Gewohnheit  klar  und  verständlich
  sprach,  so  würde  ich  doch  darauf  nicht  eingehen  können,  indem
ich  mich  nicht  physisch  beherrsche.  Aber  ich  möchte  ihn  doch  bitten,
sich  persönlich  und  mit  den  Freunden,  die  ihm  anhängen,  doch  nicht
dieser  traurigen  pessimistischen  Auffassung  hinzugeben,  die  sich  im  Namen