Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

504  R.  Reinhard,  [78

Wachstum  zeigen  Kiel  mit  25°  und  Stettin  mit  49°.  Kiel  verdankt
  dasselbe  zum  größten  Teile  seiner  steigenden  Bedeutung  als
Reichskriegshafen,  nicht  seinem  Handelsverkehr,  denn  dieser  ist  in  den
Jahren  1894—1898  um  19,5%  zurückgegangen!).  Als  Gründe  giebt
die  dortige  Handelskammer  an:  einmal  die  Konkurrenz  der  benachbarten
  Ostseeorte  Flensburg,  Lübeck  und  Rostock  und  sodann  die  Eröffnung
  des  Kaiser-Wilhelm-Kanals?).  In  Stettins  rapider  Steigung
macht  sich  dagegen  der  immer  noch  anhaltende  gewaltige  Aufschwung
von  Handel  und  Gewerbe  geltend.  Uebrigens  haben  beide  Städte  auch
größere  Einverleibungen  in  den  letzten  fünf  Jahren  vorgenommen.  —
Kiel  ist  mit  107071  Einwohnern  in  die  Reihe  der  deutschen  Großstädte

etreten.  —  Daß  Lübecks  Bemühungen  in  den  letzten  Jahren,  trotz  der
Konkurrenz  Hamburgs,  Kiels  und  Stettins  zu  neuer  Blüte  zu  gelangen,
schon  jetzt  von  Erfolg  waren,  beweist  der  Umstand,  daß  es  von  den
nicht  durch  Einverleibung  vergrößerten  Städten  das  stärkste  Wachstum
von  17  °/o  aufzuweisen  hat.  Voraussichtlich  wird  dasselbe  in  den  nächsten
Jahren  infolge  der  Fertigstellung  des  Elb-Trave-Kanals  noch  bedeutend
zunehmen.  Bremens  und  Hamburgs  Wachstum  bietet  gegen  die  letzten
Zählungsperioden  nichts  Auffallendes.

Auch  innerhalb  der  Stadt  selbst  vollzieht  sich  seit  einer  Reihe  von
Jahren  in  den  deutschen  Großstädten  eine  Verschiebung,  die  meist  noch
nicht  abgeschlossen  ist.  Solange  diese  noch  Festungen  waren,  geschah
eine  Erweiterung  derselben  nur  äußerst  langsam,  einmal  weil  ein  längerer
Stadtumfang  größere  Verteidigungskräfte  erforderte,  und  sodann,  weil
ein  Hinausschieben  der  Festungswerke  immer  ein  sehr  kostspieliges
Unternehmen  war.  Bei  schnellem  Wachstum  einer  Stadt  trat  infolgedessen
  ein  Mißverhältnis  zwischen  der  Menge  der  Bevölkerung  und  dem
für  diese  verfügbaren  Bauplatz  ein.  Daß  dies  in  der  That  sehr  oft  der
Fall  war,  beweist  schon  die  durchgehend  große,  vielleicht  freilich  manchmal
  übertriebene  Höhe  der  Häuser  auf  den  mittelalterlichen  Städteerspektiven,

  wie  wir  sie  z.  B.  in  den  Merianschen  Topographieen  finden.
Solche  Mißverhältnisse  haben  auch  die  Wohnhöfe  Hamburgs  entstehen
lassen  und  die  Kellerwohnungen  Stettins  gefüllt.  Erst  die  Aufhebung
der  Thorsperre  und  die  Niederlegung  der  Wälle  gestatteten  eine  angemessene
  seitliche  Ausbreitung,  und  die  schnell  emporgeschossenen
modernen  Vororte  unserer  Großstädte  verdanken  ihre  Entstehung  zum
Teil  dem  Zuzug  nach  den  Städten  überhaupt,  zum  Teil  aber  dem  Rückgang
  der  Bevölkerung  in  den  inneren  Stadtteilen.

Die  Einwohnerzahl  des  inneren  Hamburg  ist  in  der  Zeit  von  1890
bis  1895  um  12,62%  zurückgegangen.  Dagegen  zeigen  manche  peripherischen
  Stadtteile  eine  außerordentlich  hohe  Zunahme;  so  sind  die

!)  D.R.St.  1900,  II  S.  45.

2?)  So  wunderbar  diese  Thatsache  scheinen  mag,  so  erklärt  sie  sich  doch
leicht  aus  dem  Umstand,  daß  die  Schiffe,  die  früher  nach  der  langen  Umfahrt  in
Kiel  anlegten,  jetzt  nach  Paseierung  des  Kanals  direkt  nach  ihren  Bestimmungsorten
  weiterfahren  und  das  etwa  7  km  südlicher  liegende  Kiel  umgehen.  Darum
beabsichtigt  die  Stadt,  nahe  der  Kanalmündung  in  der  sogen.  Wieker  Bucht  einen
neuen  großen  Handelshafen  anzulegen,  ein  Plan,  dem  freilich  der  Militärfiskus  bis
jetzt  ablehnend  gegenübersteht.