146
getreten, so hatte Christian dem Orden das Vertrauen des Volkes
entzogen, Partei gemacht, das fromme Werk der Ritter gehindert,
wider Gott und die Menschen gesuündigt. Die Vorstellung, welche
der Legat dem Papste von Christian gegeben hatte, wurde ihm durch
diese Klagen zur vollesten Gewißheit erhoben und erfüllte ihn mit
Schmerz und Entrüstung. Wie konnte er anders denken, als daß der
Bischof, über des Ordens Glück neidisch geworden, seinen frommen,
heiligen Bestrebungen hemmend entgegenwirke und das Werk der Verbreitung
des Glaubens unverantwortlich gefährde! Freilich, hätte er
die zarte Gewissenhaftigkeit des Bischofs in Bezug auf die Ablässe
gekannt, wie sie in einem Falle, wo es sich nicht um Eigennutz. sondern
um Würde und Freiheit, ja um das Leben gehandelt. im Jahre
1240 sich bewährt, — hätte er, im Gegensatz dazu. gewußt, wie die
Ritter sich nach des Bischofs Gefangennehmung in höchst unedler
Weise hatten der Gelder bemächtigen wollen, wäre ihm überhaupt die
ganze Geschichte des Bischofs und des Ordens in Preußen nicht ganz
verborgen gewesen, so würde er jene Anklagen auf ihren wahren
Werth zurückgeführt haben. Nun aber war es ihm nicht möglich, sie
zu durchschauen; so begegnete er denn dem Bischofe, wie der Orden
es wünschte. In einem ausführlichen Briefe über die dem Bischof
zur Last gelegten Beschwerden gab er dem Predigerprior zu Magdeburg
den Auftrag, Christian alles Ernstes zu ermahnen, daß er,
seiner Würde und seines hohen Alters eingedenk, von solch ungerechtem,
ungeziemendem Benehmen abstehen und den Paypst nicht in die
Lage versetzen möge, weitere Maßregeln zu ergreisen. Ueber die Wirkung,
welche diese Ermahnung bei Christian haben werde, sollte der
Prior an den Papst berichten. 302)
302) Cod. d. Pr. I. 57. D. d. Anagni 1. Oktober 1243. Das bisher Gesagte
beweist zur Genüge, daß der Legat Wilhelm 1) bis zum Oktober 1243 nicht
nach Preußen abgereist war, 2) daß der Papst im Oktober 1243 —, einer Zeit zudem,
in welcher sich die bisher bestandnen Hindernisse erst recht steigerten (vgl. Böymer