Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

Der  Geist  der  beutschen  Kultur  59

 

vicelmehr  darum,  die  sehr  mannigfaltigen  und  gegensätzlichen  Lebensaußerungen
  einer  Nation  in  möglichster  Breite  zu  erfassen  und,  so  gut
es  geht,  von  einem  oder  möglichst  wenigen  Mittelpunkten  aus  als
trotzdem  einheitliches  Ganzes  in  der  Tiefe  zu  verstehen.  Diese  Mittelpunkte
  werden,  wie  uns  unser  heutiges  geschichtliches  und  geschichtsphilosophisches
  Denken  lehrt,  stets  vor  allem  in  der  politisch-sozialen
Entwicklung  liegen,  von  der  aus  der  Geist  sich  zwar  nicht  allein,  aber  doch
wesentlich  bestimmt.)

7)  Hierzu  ist  zu  bemerken,  daß  der  hier  verwendete  Begriff  „Kultur“  nicht
bloß  der  deutschen  wissenschaftlichen  Sprache,  sondern  vor  allem  dem  deutschen
Denken  und  Leben  eigentümlich  ist.  Er  wird  auch  in  der  Presse  zweiten
Grades  endlos  verhöhnt  als  Kultur  mit  K.  Er  entspricht  der  deutschen  Geschichte
und  Geistesart,  in  welcher  die  Einigung  der  Nation  von  der  geistigen  Bildung
her  vollzogen  und  diese  mit  dem  politisch-so  zialen  Dasein  dann  eng  zusammengewachsen
  ist,  er  weist  zugleich  zurück  auf  das  Luthertum  und  Landeskirchentum,  in
welchem  der  Staat  und  die  höchsten  geistigen  Interessen  völlig  eins  geworden
sind.  Demgegenüber  spricht  die  angelsächsisch-demokratische  Sprache  nur  von
Zivilisation,  die  das  natürliche  Recht  der  Individuen,  die  Staatskontrolle  durch
sie,  die  Freiheit  der  Kirchen,  den  Privatcharakter  der  persönlichen  Uberzeugungen
  und  den  Einfluß  der  öffentlichen  Meinung  auf  Regierung  und  Privatleute
bedeutet.  Siehe  The  War  and  Democracy,  cp.  IX  348ff.  Man  erkennt  darin  unschwer
  die  Säkularisation  der  puritanischen  Idee  und  die  Identifikation  ihres  natürlichen
  Rechtes  mit  der  englischen  Freiheit.  Für  den  konservativen  und  staatskirchlichen
  Engländer  ist  allerdings  Volk,  Institution  und  Geist  sehr  viel  enger
zusammengehörig;  das  English  mind  umsaßt  hier  auch  die  englischen  Denker  und
Poeten  und  die  englische  Kirche;  das  ist  z.  B.  sehr  deutlich  von  Matthew  Arnold
gegen  die  puritanischen  Mittelklassen  ausgesprochen  worden.  Auch  bei  den  Franzosen
  sallen  Staat,  Gesellschaft,  Philosophie  und  ästhetischer  Geschmack  gleichfalls
enger  zusammen.  Aber  sie  nennen  es  nicht  wic  die  Deutschen  Kultur,  sondern
civilisation,  progrés,  humanité,  um  den  logisch-notwendigen,  rationalistischen
Charakter  auszudrücken,  während  an  der  deutschen  Kultur  etwas  Nomantisch--Individualistisch-Irrationales
  hängt,  der  Gedanke  der  individ  nellen  Selbstbildung
der  ein  zelnen  und  der  Völker.  Von  der  deutschen  Kultur  handelt  auch  Viscount
Haldane  in  einem  während  der  Agadir-Krise  zu  Orford  gehaltenen  Vortrag
„Deutschland  und  Großbritannien“,  Verlag  der  Friedenswarte  1911;  er  erklärt
hier  das  Studium  des  beiderseitigen  „RNationalgeistes“  für  unerläßlich  S.  3;
auch  er  hebt  hier  bei  den  Deutschen  die  „Bildung“  hervor,  die  in  Deutschland
allgemein  sei,  in  England  leicht  zu  einer  besonderen  Klasse  führe  S.  23.  Von
dieser  Bildung,  sagt  er,  sehr  im  Gegensatz  zu  den  üblichen  Urteilen:  „Die  Periode
des  Materialismus  und  der  Aeaktion  gegen  den  Idealismus  scheint  vorbei  zu
sein.  Der  negative  Einfluß  Schopenhauers  und  Mietzsches  scheint  sich  zu  verlieren“
  S.  20.  Auch  Perris  erstrebt  das  gleiche  Ziel  und  weiß,  daß  das  deutsche
wissenschaftliche  Methode  ist:  „It  is  to  German  thinkers  that  we  owe  the  evolutionary
  method  in  historical  study,  the  emphasis  in  geographical  and  economic
factors,  and  the  thougbt  that,  in  some  dark  cave  deep  set  in  the  mountain