Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Einundzwanzigster Jahrgang. 1905. (46)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  31.)                     75

rechnen,  daß  die  Beträge  von  ihnen  erhoben  werden.  Wenn  ich  auf  das
Bedenkliche  der  neuen  Belastung  hingewiesen  habe,  ist  mir  lachend  erwidert
worden,  das  reiche  Preußen  kann  sie  bezahlen.  Das  kann  nur  jemand
sagen,  der  die  Verhältnisse  in  Preußen  nicht  genügend  kennt  und  nicht  genügend
  weiß,  wie  schwierig  selbst  in  Preußen  die  Herstellung  der  Balance
ist.  Ich  kann  versichern,  daß  ich  außerstande  bin,  etwa  durch  eine  Erhöhung
  von  Einnahmepositionen  oder  durch  eine  Herunterdrückung  von
Ausgabepositionen  plötzlich  diese  40  Millionen,  die  auf  die  preußische
Staatskasse  gelegt  sind,  aufzubringen,  sondern  daß  selbst  in  Preußen  nur
der  Weg  der  Anleihe  übrig  bleibt.  Wer  wie  ich  wiederholt  Gelegenheit
gehabt  hat,  mit  den  Finanzministern  der  Kleinstaaten  zu  sprechen,  bekommt
ein  lebendiges  Bild  auch  von  der  Notlage  der  Kleinstaaten.  Der  Reichstag
hat  sich  die  Deckungsfrage  außerordentlich  leicht  gemacht,  indem  er  46  Millionen
  einfach  auf  das  Ordinarium  überschrieben  hat,  aber  darüber,  wie
diese  gedeckt  werden  sollen,  hat  er  sich  nicht  geänßert.  (Heiterkeit.)  Versetzen
  Sie  sich  in  die  Lage  der  Bundesstaaten!  Woher  soll  die  Freude
zum  Reiche  kommen,  wenn  in  dieser  Weise  Anforderungen  gestellt  werden.
Ich  meine,  Reichstag  und  Bundesrat  sollten  darin  einig  sein,  die  Freudigkeit
  zum  Reiche  zu  stärken.  Ich  schließe  mit  der  Bitte,  daß  es  wenigstens
in  der  künftigen  Tagung  gelingen  möge,  diese  Last  dauernd  von  den
Bundesstaaten  zu  nehmen,  damit  ihnen  die  Möglichkeit  gegeben  wird,  ihre
eigenen  Bedürfnisse  und  die  großen  Aufgaben,  die  an  sie  herantreten,  zu
erfüllen.  Der  Reichstag  möge  zu  der  Erkenntnis  kommen,  daß  auf  diesem
Wege  nicht  weitergewirtschaftet  werden  kann,  sondern  daß  Mittel  gefunden
werden  müssen,  damit  nicht  nur  den  Bedürfnissen  des  Reiches,  sondern
auch  denen  der  Bundesstaaten  genügt  wird.

            Hierauf  wird  das  Etatsgesetz  ohne  Debatte  nach  den  Beschlüssen  der
zweiten  Lesung  angenommen,  ebenso  der  Reichshaushalt  in  der  Gesamtabstimmung
  gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten.

            Ende  März.  (P r e u ß e n.)  Dem  Landtag  geht  eine  Vorlage
  über  den  Bau  von  Nebenbahnen  zu,  die  124  569  000  Mark
fordert.

            31.  März.   (W ü r t t e m b e r g.)  In  der  Abgeordnetenkammer
sagt  Finanzminister  v.  Zeyer  über  die  Staats=  und  Reichsfinanzen:

            Nach  dem  Nachweis  der  Rechnungsergebnisse  für  1902  habe  sich  bei
der  laufenden  Verwaltung  ein  Fehlbetrag  von  2 594  903  Mark  ergeben.
Erfreulicherweise  sei  das  Ergebnis  von  1903  wieder  günstiger,  so  daß  der
in  das  Jahr  1904  übergehende  ungedeckte  Vorschuß  nur  noch  1  865  053  Mark
beträgt.  Nach  dem  Rechnungsergebnis  von  1904  bestätige  es  sich,  daß
durch  die  Ueberschüsse  namentlich  aus  den  Eisenbahnen  das  Defizit  von
1902  vollständig  gedeckt  sei.  So  erfreulich  diese  Ergebnisse  seien,  so  bleibe
doch  die  Tatsache,  daß  wir  in  die  neue  Finanzperiode  eintreten  ohne  Restmittel,
  daß  man  also  angewiesen  sei  auf  laufende  Mittel.  Der  Etat  schließe
ab  mit  einem  Abmangel  von  185  706  Mark.  Nach  dem  Kommissionsantrag
  lasse  sich  das  ausgleichen  durch  Erhöhung  von  Einnahmen  und
Kürzung  von  Ausgaben.  Dennoch  müsse  man  sich  klar  sein,  daß  wir  trotz
des  Balancierens  des  Etats  tatsächlich  doch  mit  einem  Fehlbetrag  wirtschaften,
  namentlich  wegen  der  hohen  außerordentlichen  Baubedürfnisse,
etwa  3 000 000  Mark,  die  sich  freilich  durch  Beschränkung  des  Bauprogramms
um  etwa  1  Million  mindern  lassen.  Deshalb  müsse  man  künftighin  diesem
Uebelstand  vorbeugen  dadurch,  daß  man  an  den  Ausgaben  spare,  aber
auch  die  Einnahmen  nicht  immer  zu  hoch  einstelle.  Jeder  vorsichtige  Haus-