Metadata : Regierung und Volkswille.

und  in  politischem  Sinne.  43

den  Heroen  herab  bis  zu  der  Masse.  In  dieser  Einheit,
die  auf  der  Vergangenheit  aufbaut  und  nicht  nur  der  Gegenwart
  lebt,  sondern  in  dieser  Gegenwart  arbeitet  für  unabsehbare
  ferne  Zukunft,  haben  wir  das  wahre  Wesen  eines
Volkstums,  das  wir  verehren  als  ein  Heiliges.  Was  hat  das
deutsche  Volk  in  diesem  wahren  und  tiefen  Sinne  zu  tun  mit
jener  Versammlung  von  397  Männern,  die  den  deutschen
Reichstag  bilden?  110  Sozialdemokraten,  100  Mann
Zentrum,  27  Polen,  Dänen  und  Franzosen  und  eine  Anzahl
kleinerer  und  größerer  Gruppen  Konservative,  Agrarier,
Antisemiten,  Freikonservative,  Nationalliberale,  Freisinnige,
das  soll  das  deutsche  Volk  sein?

Die  Demokratie  selbst  weiß  sehr  gut,  daß  in  diesem
Sinne  zwischen  „Volk“  und  „Volk“  ein  Unterschied  ist;
denn  auch  sie  erkennt  den  Satz:  „Volkswille  —  Gotteswille“
  nur  an,  wenn  er  ihr  günstig  ist,  geradeso  wie  sie
den  Reaktionären  das  Sprüchlein  zuschreibt:  „Und  der
König  absolut,  wenn  er  uns  den  Willen  tut.“

Die  Wahl  der  beiden  Napoleons  ist  niemals  als  Ausdruck
  des  Volkswillens  anerkannt  worden,  obgleich  sie  nahezu
  einstimmig  war.

Auch  der  Begriff  der  Volkssouveränität,  der  historisch
eine  so  große  Wirkung  gehabt  hat,  ist  hiermit  als  eine
bloße  Fiktion  dargetan.  Wenn  das  Volk  in  staaterechtlichem
  Sinne  keinen  Willen  hat,  kann  es  auch  nicht  die
Souveränität,  d.  h.  den  höchsten,  nur  sich  selbst  Schranken
setzenden  Willen  haben.

Wer  mir  bis  hierher  gefolgt  ist,  hat  vielleicht  den  Eindruck,
daß  ich  damit  das  Grundprinzip  der  Demokratie  habe
bekämpfen  und  verwerfen,  ja,  geradezu  als  absurd  habe
nachweisen  wollen;  formell  ja  —  sachlich  nein.  Wie  wäre

es  möglich,  daß  die  Idee  der  Demokratie  in  der  Welt-Delbrück,
  Regierung  und  Volkswille.  4

Volkssouveränität.