— 126 —
sich große Scharen von kleinem Geflũügel; auf den Stoppeläckern lagen
mächtige Gänseherden und in den Ställen standen die Pferde. Große
Gemeindeherden grasten auf den Höhenzügen und Wiesen. Die Wolle
stand in hohem Preise und an vielen Orten wurde auf feine Zucht
gehalten. Die deutschen Tuche waren berühmt und Tuchwaren der
beste Ausfuhrartikel. Die Dorfflur lag — wo nicht die altfränkische
Flurteilung in lange Ländereien sich erhalten hatte — in drei Felder
geteilt, deren Hufen viel gespalten und Beet für Beet sorgfältig mit
Steinen umsetzt waren. Der Acker war nicht ohne höhere Kultur.
Ein feinmehliger weiter Weizen wurde in das Winterfeld gesät.
Der Flachs ward sorgfältig durch die Wasserröste zubereitet. Außerdem
brachte Anis und Saflor viel Geld ein. Auch der Kardenbau
war altheimisch; von Olsaaten wurde Rübsen, am Rheine aber Raps
in die Brache gesät. Die schwanken Rispen der Hirse gaben reichlichen
Ertrag. In Thüringen und Franken waren damals an den Abhängen
von warmer Lage überall Rebengärten und diese alte Kultur,
welche jetzt in denselben Landschaften fast untergegangen ist, mut
in günstigen Jahren doch einen trinkbaren Wein hervorgebracht haben;
denn es werden in den Chroniken einige Weinjahre als vortrefflich
gerühmt. Auch Hopfen wurde fleifig gebaut und zu gutem Bier
benutzt. Schon säte man von Futtergewächsen den Spörgel und die
Pferdebohne. Die Abzugsgräben, ja sogar die Bewässerungsgräben
zu erhalten, war gewöhnlich. Schon war Erfurt Mittelpunkt eines
großen Samenhandels und höherer Gartenkultur. Im ganzen war,
wenn #mnan verschiedene Zeiten mit einander vergleichen darf, die
landwirtschaftliche Kultur im Jahre 1618 nicht geringer als etwa
200 Jahre später. Gustav Freytag.
65. Vörfer und Städte nach dem Preißigjährigen Rriege.
Es sind zwei Jahrhunderte vergangen, ehe der Kulturzustand der
Dörfer die Höhe wieder gewann, die er beim Ausbruch des Dreißigjährigen
Krieges hatte. Der Krieg vernichtete diese ganze Blüte; denn
er fiel mit seiner Hauptschwere gerade auf den Bauernstand. Die
Dörfer lagen in Asche; der Biehstand ging ein; das Feld verwuchs
und ward stellenweise wieder zu Wald; die Leichen blieben unbegraben.
Die Dorfhunde rotteten sich zusammen wie Herden Raubtiere und zu
dem Elende des Krieges kamen die unausbleiblichen Plagen des
Hungers und der Pest. In der zweiten Hälfte des Krieges weigerte
sich ein schwedischer General, sein Heer von Pommern nach Süddeutschland
zu führen, weil durch die dazwischenliegende Ode sein Verlust
größer sein würde als durch die blutigste Niederlage. In einzelnen
Gegenden, wie in Schlesien, Thüringen und Mecklenburg, hatte der
Krieg besonders grausam gehaust. Beim Friedensschluß gab es eine
Menge verbrannter Ortschaften, Dörfer, Städte und Schlösser. An
manchen Orten zählten Dörfer, die früher 400 Einwohner hatten, nur