Full text : Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.

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sich  große  Scharen  von  kleinem  Geflũügel;  auf  den  Stoppeläckern  lagen
mächtige  Gänseherden  und  in  den  Ställen  standen  die  Pferde.  Große
Gemeindeherden  grasten  auf  den  Höhenzügen  und  Wiesen.  Die  Wolle
stand  in  hohem  Preise  und  an  vielen  Orten  wurde  auf  feine  Zucht
gehalten.  Die  deutschen  Tuche  waren  berühmt  und  Tuchwaren  der
beste  Ausfuhrartikel.  Die  Dorfflur  lag  —  wo  nicht  die  altfränkische
Flurteilung  in  lange  Ländereien  sich  erhalten  hatte  —  in  drei  Felder
geteilt,  deren  Hufen  viel  gespalten  und  Beet  für  Beet  sorgfältig  mit
Steinen  umsetzt  waren.  Der  Acker  war  nicht  ohne  höhere  Kultur.
Ein  feinmehliger  weiter  Weizen  wurde  in  das  Winterfeld  gesät.
Der  Flachs  ward  sorgfältig  durch  die  Wasserröste  zubereitet.  Außerdem
  brachte  Anis  und  Saflor  viel  Geld  ein.  Auch  der  Kardenbau
war  altheimisch;  von  Olsaaten  wurde  Rübsen,  am  Rheine  aber  Raps
in  die  Brache  gesät.  Die  schwanken  Rispen  der  Hirse  gaben  reichlichen
  Ertrag.  In  Thüringen  und  Franken  waren  damals  an  den  Abhängen
  von  warmer  Lage  überall  Rebengärten  und  diese  alte  Kultur,
welche  jetzt  in  denselben  Landschaften  fast  untergegangen  ist,  mut
in  günstigen  Jahren  doch  einen  trinkbaren  Wein  hervorgebracht  haben;
denn  es  werden  in  den  Chroniken  einige  Weinjahre  als  vortrefflich
gerühmt.  Auch  Hopfen  wurde  fleifig  gebaut  und  zu  gutem  Bier
benutzt.  Schon  säte  man  von  Futtergewächsen  den  Spörgel  und  die
Pferdebohne.  Die  Abzugsgräben,  ja  sogar  die  Bewässerungsgräben
zu  erhalten,  war  gewöhnlich.  Schon  war  Erfurt  Mittelpunkt  eines
großen  Samenhandels  und  höherer  Gartenkultur.  Im  ganzen  war,
wenn  #mnan  verschiedene  Zeiten  mit  einander  vergleichen  darf,  die
landwirtschaftliche  Kultur  im  Jahre  1618  nicht  geringer  als  etwa

200  Jahre  später.  Gustav  Freytag.

65.  Vörfer  und  Städte  nach  dem  Preißigjährigen  Rriege.

Es  sind  zwei  Jahrhunderte  vergangen,  ehe  der  Kulturzustand  der
Dörfer  die  Höhe  wieder  gewann,  die  er  beim  Ausbruch  des  Dreißigjährigen
  Krieges  hatte.  Der  Krieg  vernichtete  diese  ganze  Blüte;  denn
er  fiel  mit  seiner  Hauptschwere  gerade  auf  den  Bauernstand.  Die
Dörfer  lagen  in  Asche;  der  Biehstand  ging  ein;  das  Feld  verwuchs
und  ward  stellenweise  wieder  zu  Wald;  die  Leichen  blieben  unbegraben.
Die  Dorfhunde  rotteten  sich  zusammen  wie  Herden  Raubtiere  und  zu
dem  Elende  des  Krieges  kamen  die  unausbleiblichen  Plagen  des
Hungers  und  der  Pest.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Krieges  weigerte
sich  ein  schwedischer  General,  sein  Heer  von  Pommern  nach  Süddeutschland
  zu  führen,  weil  durch  die  dazwischenliegende  Ode  sein  Verlust
  größer  sein  würde  als  durch  die  blutigste  Niederlage.  In  einzelnen
Gegenden,  wie  in  Schlesien,  Thüringen  und  Mecklenburg,  hatte  der
Krieg  besonders  grausam  gehaust.  Beim  Friedensschluß  gab  es  eine
Menge  verbrannter  Ortschaften,  Dörfer,  Städte  und  Schlösser.  An
manchen  Orten  zählten  Dörfer,  die  früher  400  Einwohner  hatten,  nur