Volltext : Geschichte des Preußischen Staates

264  Der  Kronprinz.

jugendlichen  Empfindens  that  Friedrich  damals  einen  Schritt,  der  das  strengste
Verfahren  des  Souveräns  zur  Folge  hatte.  Nicht  ohne  Kenntnis  seiner  Mutter  und
seiner  Schwester,  der  Prinzessin  Wilhelmine,  trat  er  mit  Sir  Hotham  in  vertraute
Beziehungen  und  versprach  wiederholt  dem  Könige  von  England,  nur  die  Prinzessin
Amalie  zur  Ehe  zu  nehmen,  ja  er  meldete  ihm  seinen  Plan,  über  Frankreich  nach
England  zu  flüchten,  erbat  für  die  Ausführung  seine  Unterstützung.  Auf  jener
Reise  des  Königs  hatte  der  Kronprinz  ihn  zu  begleiten,  in  der  Nähe  der  französischen
viso  Grenze  sollte  die  Flucht  am  6.  August  1730  ins  Werl  gesetzt  werden,  die  Lieutnants
von  Katte  und  Keith  trafen  die  nötigen  Vorbereitungen.  Im  letzten  Augenblick  bekannte
  der  Page  von  Keith,  der  ebenfalls  ins  Geheimnis  gezogen  war,  alles  dem
Könige.  In  Wesel  ward  der  Kronprinz  verhaftet,  als  Arrestant  nach  Küstrin
gebracht,  ein  Verhör  nach  dem  anderen  gehalten,  ein  Kriegsgericht  eingesetzt.
Europa  weidete  sich  an  diesem  tief  tragischen  Schauspiel,  während  die  Verhöre
ergaben,  in  welchen  Beziehungen  England  und  auch  Frankreich  zu  dem  Fluchtplane
  gestanden.  Der  König  aber,  wie  heftig  er  seinem  Zorne  auch  Ausdruck
gab,  war  tief  im  Herzen  verwundet,  von  schweren  Zweifeln  und  Skrupeln  gepeinigt,
  daß  er  den  eigenen  Sohn  als  Deserteur,  als  Fahmenflichtigen  sehen  27
strafen  sollte.  Und  wenn  auch  der  Kronprinz,  die  Königin  und  die  Prinzessin
die  Absichten  der  fremden  Mächte  nicht  zu  durchschauen  vermochten,  so  war  doch
klar,  daß  der  Staat  nicht  bestehen  konnte,  wenn  die  Mitglieder  der  königlichen
Familie  in  politischen  Beziehungen  zu  seinen  Feinden  standen.  Wie  sehr  auch
der  König  und  seine  unglücklichen,  schroffen  Erziehungsversuche  Anlaß  und  Ursache
des  traurigen  Ereignisses  sein  mochten:  der  Staat  mußte  zu  Grunde  gehen,  wenn
seine  Grundbedingung,  wenn  der  Felsen,  auf  den  er  gestellt,  wenn  die  Pflichttreue
vom  Thronerben  selbst  so  schwer  verkannt  wurde.  Daß,  wie  behauptet  worden,
der  König  dem  Sohne  das  Leben  absprechen  wollte,  ist  nicht  der  Fall,  aber  die
Thronfolge  dachte  er  ihm  zu  entziehen,  und  es  blieb  dem  Kronprinzen  nicht  erspart,
  den  Tod  seines  Freundes  Katte  durch  das  Schwert  mit  anzusehen.  Leiden
gingen  über  seine  Seele  hin  von  erschütternder  Wucht.  Endlich  im  November
wurde  er  der  schwersten  Haft  entlassen,  aber  noch  blieb  er  Arrestant,  und  in
strenger  Arbeit  als  jüngster  Auskultator  auf  der  Kriegs=  und  Domänenkammer
in  Küstrin  täglich  von  7  bis  12,  von  3  bis  5  Uhr  sollte  er  Pflichttreue,  Arbeit,
sollte  er  das  Wesen  des  Staates  kennen  lernen,  sich  selbst  mit  ihm  durchdringen.
Wahrlich  eine  Strafe,  eine  Erziehungsweise,  ehrenvoll,  väterlich  und  staatsmännisch
von  dem  gedacht,  der  sie  verfügte,  erhebend  und  länternd  für  den,  der  sich  ihr
unterwarf,  der  sie  erfüllte.
Natürlich  wurden  durch  diese  Verhältnisse  die  Beziehungen  zu  England  noch
lälter  und  gespannter,  und  Friedrich  Wilhelm  schloß  sich  noch  inniger  an  den
aiser  an,  zu  dessen  Gunsten  er  seine  Armee  überall  hin,  mit  Ausnahme  von
Italien,  marschieren  lassen  wollte.  Allein  wieder  einmal  änderte  sich  die  ganze
L9  dadurch,  daß  England  durch  andere,  innere  Verhältnisse  veranlaßt  wurde,
dem  Kaiser  entgegenzukommen.  Es  brach  mit  dem  ganzen  bisherigen  System,
schloß  mit  dem  Kaiser  ein  Bündnis  (März  1730)  und  erkannte  die  pragmatische
Sanktion  an.  Damit  war  der  Wert  der  preußischen  Freundschaft  an  der  Donau
erheblich  gesunken,  wenn  man  auch  zunächst  noch  durch  Seckendorf  die  besten
Gesinnungen  für  den  König  aussprechen  ließ.  Denn  nun  spitzte  sich  die  Rivalität
der  Mächte  mehr  und  mehr  zu  einer  solchen  zwischen  Oesterreich  und  Frankreich