Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

I.  Die  neue  Aera.  341

Anpassungsfähigkeit,  die  sonst  so  leicht  zu  Charakterlosigkeit
füort,  in  einer  jest  in  sich  gegründeten  sittlichen  Persönlichkeit,
alles  Unlautere  oder  gar  Unwahre  von  sich
stieß  uno,  in  steter  Selbstzucht  und  Selbstprüfung  mit  sich
selbst  einig  zu  sein  bestrebt,  all  ihr  Thun  und  Lassen  maß  an
dem  mit  seltener  Tiefe  erfaßten  und  fest  im  Auge  behaltenen
Begriff  der  Pflicht.  Prinz  Wilhelm  hatte  nichts  von  der
Genialität  seines  unglücklichen  Bruders:  wohl  aber  paarte
sich  in  ihm  auf  das  glücklichste  die  ruhig,  fast  schwerfällig  besonnene
  Art  des  nüchtern  verständigen  Vaters  mit  der  tiefen
Gemütsinnigkeit  der  lebhaft  empfindenden  Mutter.  Einander
bald  mäßigend,  bald  anfenernd,  haben  diese  Eigenschaften  ihn
befähigt,  bis  in  das  höchste  Alter  neue,  ja  ihm  ursprünglich
widerstrebende  Ideen  aufzunehmen  und  mit  der  Wucht  seiner
sittlichen  Energie  verwirklichen  zu  helfen.  Ohne  selbst  schöpferischen
Geistes  zu  sein,  wurde  er  so  der  Schöpfer  eines  neuen  Preußen
und  eines  neuen  Deutschland.  An  sich  kein  großer  Mann,  ist  er
doch,  sich  selbst  fast  unbewußt,  für  Mit=  und  Nachwelt  die
vollkommenste  Verkörperung  einer  großen  Zeit  geworden.  Reich
an  herzgewinnenden,  menschlich  liebenswürdigen  Zügen,  bietet
sein  Bild,  wie  es  sich  in  drei  Jahrzehnten  in  unerschöpflicher
Lebensfülle  ausgestaltete,  eigentlich  keinen  an  sich  großen  Zug,
und  doch  ist  es  als  Ganzes  wahrhaft  historisch  groß.  Wohl
ward  ihm  gerade  in  dem  kritischsten  Augenblick  das  Fürsten
so  selten  beschiedene  Glück  zu  teil,  einen  Berater  zu  finden,
der  ihm  gleich  war  in  rückhaltloser  Offenheit,  unverbrüchlicher
Wahrheitsliebe  und  hingebender  Treue,  weit  überlegen  aber
an  schöpferischer  Geisteskraft,  fröhlichem  Wagemut  und  mit  der
Sicherheit  des  großen  Menschenkenners  die  in  ihm  schlummernden
Kräfte  des  Geistes  und  des  Willens  in  Thätigkeit  setzte  und
auf  d  das  Biel  richtete,  das  er  alle  Zeit  in  dem  sehnenden  Herzen

aatte,  das  Gläck  und  die  Größe  Preußens.  Wie  des  Prinzen
Stärke  ohnehin  mehr  in  der  Negative  lag,  indem  mehr  als
nüchterne  politische  Berechnung  sein  sittliches  und  patriotisches
Gefühl  ihn  sicher  finden  ließen,  was  als  nicht  recht  und  nicht
gut  zurückzuweisen  war,  das  hat  der  enttänschende  Verlauf  der