116 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Juni 80. — Juli 5.)
Viele evangelische Kreise, z. B. die „Deutsch-Evangelischen Blätter“,
protestieren scharf gegen dieses Gesetz.
Ende Juni. (Herne in Westfalen.) Unruhen unter Bergarbeitern.
Bestrafungen.
Polnische Bergarbeiter legen die Arbeit nieder, weil sie sich durch
höhere Knappschaftskassen-Abzüge benachteiligt glauben. Es kommt zu
solchen Unruhen, daß Militär einschreiten muß, wobei mehrere Arbeiter
getötet werden. — In der Presse werden vielfach die Unruhen als ein
Beweis für die Notwendigkeit der Strafverschärfungen hingestellt. Von
anderer Seite wird darauf hingewiesen, daß der Streik nicht von der
Sozialdemokratie, sondern von nichtorganisierten Arbeitern ausgegangen
sei und daß die Strafmittel hinreichend seien. Z. B. ein Schlepper, dessen
Vergehen an Körperverletzung streifte, erhält 9 Monate Gefängnis. Sieben
Bergleute werden mit Gefängnis von fünf bis sieben Monaten bedacht,
weil sie vor einer Menschenmenge zum Ungehorsam gegen Gesetze aufgefordert
hatten. Ein Schlepper wird wegen versuchter Nötigung, Widerstandes
und wörtlicher Beleidigung zu neun Monaten Gefängnis, zwei
andere Angeklagte wegen Teilnahme an einer Zusammenrottung, sowie
wegen Widerstandes zu 1 Jahr 6 Monaten bezw. 1 Jahr Gefängnis verurteilt.
Ein Schlepper hatte zwei Arbeiter, die zur Zeche gehen wollten,
bedroht. Das Urteil laulet auf neun Monate Gefängnis. Von drei Ausständigen,
welche von der Zeche kommende Arbeiter thätlich angegriffen
hatten, wird einer zu zwei und die beiden anderen zu je einem Jahre Gefängnis
verurteilt.
30. Juni. (Düsseldorf.) Der Verein zur Wahrung der
gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen
bedauert die ablehnende Haltung großer Parteien im Reichstage
gegen das Gesetz zum Schutze der Arbeitswilligen.
3. Juli. (Koburg.) Der gemeinschaftliche Landtag genehmigt
das Gesetz über die Thronfolge.
Danach ist für die Thronfolge der Herzog Karl Eduard von Albany
bestimmt. Stirbt dieser ohne Nachkommen oder erlischt sein Mannesstamm,
so wird Prinz Arthur von Connaught, bezw. dessen Descendenz
nachfolgen. Unter den gleichen Voraussetzungen gelangt eventuell die Nachkommenschaft
des Prinzen von Wales zur Nachfolge. Der Herzog von
Albany muß seinen wesentlichen Aufenthalt im Lande nehmen. Der Erbprinz
von Hohenlohe-Langenburg erhält die Zustimmung des Landtags zur
Regierungsverwesung für den Herzog von Albany; falls dieser minorenn
zur Regierung gelangt und ein anderer Vormund bestimmt wird, so muß
hiezu die Einwilligung des Landtags eingeholt werden.
4. Juli. (Eckernförde.) Der Kaiser tritt die Nordlandsreise
auf der Yacht „Hohenzollern“ an.
5. Juli. (Preußisches Herrenhaus.) Karfreitagsvorlage.
Diskussion über den Schutz der Arbeitswilligen.
Das Haus genehmigt mit großer Majorität die Karfreitagsvorlage
in der Fassung des Abgeordnetenhauses (S. 115). Es folgt die Beratung
des Antrages des Grafen v. Mirbach: „Das Herrenhaus spricht seine
Befriedigung darüber aus, daß die kgl. Staatsregierung im Bundesrate