12 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 23.)
haben. Deshalb wenden an Euerer Majestät landesväterliches Herz wir
uns unmittelbar mit der allerunterthänigsten Bitte, huldvollst unsere Lage
zu prüfen und unserer Wünsche mit einem machtvollen Königsworte Sich
allergnädigst annehmen zu wollen, wie dieses von Euerer Majestät durchlauchtigsten
Vorfahren glorreichen Angedenkens zum Segen des Landes
wiederholt geschehen ist. Gewiß verkennen wir nicht die große Schwierigkeit
für den Monarchen, im Widerstreite der Interessen der einzelnen Berufsstände
für die Gesamtheit das Richtige zu treffen. Nicht um eine Bevorzugung
vor den gleichfalls berechtigten Interessen anderer Erwerbszweige
bitten wir dieserhalb, sondern einzig um Schaffung des Gleichgewichts, im
Sinnne ausgleichender Gerechtigkeit. Von diesem Gesichtspunkte sei uns allergnädigst
gestattet, Euerer Majestät ehrfurchtsvoll unsere Sache unterbreiten
zu dürfen. Die Notlage der Landwirtschaft hat sich aus dem Herabgehen
der Preise, gleichzeitig mit einer sehr bedeutenden Erhöhung der Gestellungskosten,
im Laufe der letzten Dezennien entwickelt und damit die statistisch
erwiesene, stets steigende Verschuldung des ländlichen Grundbesitzes zur Folge
gehabt. So entwickelten sich im Einzelnen für die von uns vertretene Landwirtschaft
des Ostens der Monarchie folgende Schäden:
1. Die Gestellungskosten für unsere Körner kommen nach sorgfältiger
Schätzung im Durchschnitt bei Weizen auf 160 M, bei Roggen auf 140 MA,
bei Hafer auf 120 M per Tonne zu stehen. In den letzten zehn Jahren
haben wir wiederholentlich unser Produkt unter diesen Kosten verkaufen
müssen. Diesen Zustand vermag kein Gewerbe zu ertragen, ohne unterzugehen,
namentlich nicht die Landwirtschaft, der gerade wegen ihrer Notlage
sich das Kapital mehr und mehr entfremdet, und deren Eigenart es ausschließt,
sich den wechselnden Konjunkturen anzupassen. Wir können unsere
Betriebe nicht beliebig ändern, auch können wir nicht, wie die Industrie
in kritischen Zeiten, unsere Produktion einschränken und die Arbeiter nach
Belieben entlassen.
2. Unsere Viehzucht gab im Gegensatze zum Körnerbau eine Zeit lang
verhältnismäßig gute Erträge, wenngleich die hohen Tarifsätze unserer Bahnen,
die praktisch keinen Anhalt gebenden Preisfeststellungen des Berliner
Viehmarktes und der zahlreiche Zwischenhandel den Produzenten nicht annähernd
teilnehmen ließen an der zeitweise hohen Verwertung der gelieferten
Ware. Trotzdem fand der Landwirt dabei seine Rechnung und hat in dieser
verhältnismäßig günstigen Periode seine Produktionsfähigkeit derart entwickelt,
daß er bei Andauer dieser Preisverhältnisse in der Lage gewesen
wäre, den heimischen Bedarf vollständig zu befriedigen, unabhängig vom
Auslande. Die Erreichung dieses, sowohl in volkswirtschaftlicher, wie in
sanitärer Beziehung erstrebenswerten Zieles ist indessen durch die in neuerer
Zeit abgeschlossenen Handelsverträge und Seuchenkonventionen vollständig
verhindert worden. Soweit für vorgedachte gesetzgeberische Maßnahmen die
Rücksicht auf eine billige Volksernährung von Einfluß gewesen ist, erlauben
wir uns demgegenüber ehrfurchtsvollst zu bemerken, daß im allgemeinen für
das Wohl der arbeitenden Klassen mehr hohe Löhne als billige Nahrungsmittel
ausschlaggebend sind. Insbesondere ist bei den damaligen Lohnverhältnissen
in den Arbeitszentren, speziell in Berlin, ein Notstand bezüglich
der Ernährung — wie dieses vielfach behauptet worden — durch Herabgehen
des Fleischkonsums nicht eingetreten. Dies erhellt u. a. daraus, daß im
Deutschen Landwirtschaftsrat in der Sitzung vom 2. Februar 1892 (Sten.
Ver. S. 166, 167) an der Hand thatsächlicher Verhältnisse und namentlich
ohne Widerspruch der Presse berichtet wurde, daß der so allgemein beklagte
Minderverbrauch an Fleisch in der Residenzstadt pro Tag und 100 Köpfe
der Bevölkerung nur etwa 1 Pfd. gegenüber dem normalen Vorjahre be-