„ Gerichtliche Psychiatrie. 407
Meist ist diese Krankheit bald geheilt. Es gibt aber auch andere Gefängnis-
psychosen, z. B. nach Art der Melancholie, der Manie, der fortschreitenden Para-
lyse usw.
Zwischen die akuten und chronischen Verstandeserkrankungen schieben sich eine
Anzahl Uebergangsformen ein. Hierher gehören die Wochenbett-Psychosen,
in welchen es unter den verschiedensten Sinnestäuschungen zu Selbstmord und Mord
kommt, und die Hypochondrie, bei welcher der Kranke unter dem Zwange krank-
hafter Vorstellungen über sein körperliches Befinden steht.
Die chronische Verstandeserkrankung entwickelt sich entweder aus
angeborenem Schwachsinn oder aus Gelegenheitsursachen, wie Kummer, Sorge, Schreck,
Erschöpfung, Alkoholismus usw. Das Krankheitsbild ist ein verschiedenes, je nach-
dem Sinnestäuschungen vorherrschen oder nicht. Deshalb werden in der Literatur
auch eine halluzinatorische und eine einfache Form, Paranoia chronica
hallucinatoria und Paranoia chronica simpler, unterschieden.
Oft geht der Krankheitsursprung bis in die Kindheit, in die Pubertät zurück,
wo allerlei seltsame Ideen einsetzen und sich weiter entwickeln. Die Paranoia chronica
kann sich ganz langsam und für die Umgebung des Kranken unmerklich entwickeln.
Sie kann aber auch sofort mit einer hochgradigen Erregung einsetzen, die sich bis
zur vollständigen geistigen Verwirrtheit steigern kann. Auf diesen Zustand kann
wieder eine Zeit der Ruhe und Gemessenheit folgen. Der Kranke bezieht in über-
triebener Weise alle Handlungen seiner Umgebung auf sich. Unbehagen und Angst-
zustände treten auf. Von Sinnestäuschungen herrschen Täuschungen des Gehörs
und Gedankenlautwerden vor. Die Krankheit kann sich über Jahrzehnte erstrecken.
Die Intelligenz bleibt oft lange unbeschädigt. Die Wahnideen und Sinnestäuschungen
berauben aber den Kranken der Selbstbeherrschung. Verfolgungs= und Größenideen
treten auf. Der Kranke sieht sich von einem Komplotte umgeben oder hält sich
für einen bedeutenden Dichter, Erfinder usw. Die Sinnestäuschungen und Wahn-
ideen werden im weiteren Verlaufe der Krankheit zu einem System verarbeitet. Jetzt
hat die Krankheit einen gewissen Abschluß erreicht, nach welchem sich nur noch ein
Entwickelungszeitraum der geistigen Schwäche findet. Die Intelligenz nimmt ab,
Heilung ist ausgeschlossen. Die oben als Anfangssymptome erwähnten Zustände der
akuten Verwirrtheit treten auch als Anfälle im Verlaufe der Krankheit wiederkehrend
auf, in welchen der Kranke leicht zu Gewaltakten, Körperverletzungen,
Widerstand, Störung des Gottesdienstes, Beleidigung, Verleum-
dung, Brandstiftung, Mordversuch und Mord, gelangt.
Eine Abart der Paranoia chronica ist der sogenannte Querulanten-
wahnsinn, die Prozeßkrämersucht. Es gibt allerdings auch gesunde Queru-
lanten. Der kranke Querulant ergeht sich in Beleidigungen gegen die
Beamten, mit welchen ihn seine Angelegenheiten zusammengebracht haben. Er leidet
unter Verfolgungsideen: niemand will ihm sein Recht geben. Er leidet unter Größen=
ideen: nur er allein beurteilt die Verhältnisse richtig; der Jurist, der das Gesetz
zwar studiert hat, versteht es nicht so gut wie er. Im Verlaufe der Kranktheit