48 Ues Veutsche Reich und seine einjelnen Glieder. (Febr. 26. 27. /2. März.)
25./27. Februar. (Reichstag.) Zweite Beratung des Marineetats.
Flottenverein und künftige Flottenvorlage.
Abg. Bebel (Soz.) fragt, ob der Flottenverein in Beziehungen zur
Regierung stände. Er habe ja die Flottenvorlage von 1899 erzwungen
und agitiere jetzt für eine gewaltige Vergrößerung der Flotte und genösse
anscheinend die Unterstützung der Regierungen, denn viele Bundesfürsten
und Prinzen seien Mitglieder. Die Förderer des Flottenvereins seien als
Industrielle persönlich an den Vorschlägen interessiert, scheuten sich aber
nicht, die Last den ärmeren Klassen durch indirekte Steuern aufzubürden.
Die Flottenverstärkung ziele auf einen Krieg mit England hin, obgleich
Deutschland bei der Uebermacht Englands allen Anlaß habe, gute Beziehungen
zu England zu pflegen. Staatssekretär v. Tirpitz: Die letzte
Flottenvorlage habe mit dem Flottenverein nichts zu tun, sei vielmehr
durch die Regierung nach sorgsamer Erwägung aufgestellt worden. Der
Flottenverein verfolge nach seinen Satzungen den lobenswerten Zweck, das
Verständnis für die Flotte in weite Kreise zu tragen; wenn er ein bestimmtes
Programm für den Ausbau der Flotte aufstelle, so schösse er damit
über das Ziel hinaus. Das sei Sache der Regierung und sie werde
sich natürlich durch die Wünsche des Vereins nicht bestimmen lassen. Abg.
Graf Oriola (ul.): Bei neuen Flotten= und Steuerplänen müßten die
wohlhabenden Klassen stärker herangezogen werden. Abg. Gröber (3.)
Man wolle dem Flottenverein die Agitationsfreiheit nicht einschränken,
aber der Verein dürfe auch Vertretern einer abweichenden Meinung nicht
den Patriotismus absprechen und müsse sich eine Kritik seiner öffentlichen
Tätigkeit gefallen lassen. Der Flottenverein versuche nicht einmal die wichtige
Deckungsfrage zu lösen, behandle also nur eine Seite des Problems.
Seine Agitation sei deshalb gemeingefährlich, weil er die deutsche Flotte
fortwährend als minderwertig hinstelle und damit das Ansehen Deutschlands
schwäche. Zur Deckung müßten die leistungsfähigen und interessierten.
Kreise mit besonders scharfen direkten Steuern herangezogen werden. —
Eine Beschwerde der Sozialdemokraten, daß auf den Werften viele Arbeiterentlassungen
stattfänden, weist Staatssekretär v. Tirpitz zurück; die Arwüteo
sei seit 1900 von 12 000 auf 18.000 gestiegen; das Einkommen
habe sich von 1200 Mark auf 1350 durchschnittlich erhöht.
27. Februar. (Berlin.) Der Dom wird durch den Kaiser
feierlich eingeweiht.
27. Februar/2. März. (Reichstag.) Zweite Beratung des
Etats des Reichsamts des Innern.
Die Debatte dreht sich vornehmlich um Fabrikinspektion, Sonntagsruhe,
Lage der Handwerker, Bedeutung der Warenhäuser der Offizier- und
Beamtenvereine, Lehrlingszüchterei, Befähigungsnachweis, Krankenkassen und
Aerzte, Hausindustrie, Errichtung eines Arbeitsamts.
Am 2. März sagt Staatssekretär Graf Posadowsky über das Versicherungswesen:
Bekanntlich hatte man bei der großen Reform des Invaliditätsgesetzes
vorgesehen, aus der Sonderlast der Einzelstaaten und
Provinzen eine Reichslast zu machen. Eine Revision führte zu dem Schlusse,
daß die jetzige Verfassung der sozialpolitischen Gesetzgebung nicht auf die
Länge so bestehen bleiben kann. Wir haben einen Koloß aufgebaut. Die
Geschäfte des Reichsversicherungsamtes haben in einer geradezu Entsetzen
erregenden Weise zugenommen. Wir haben mit großen Rückständen zu
kämpfen. Es kommt doch darauf an, daß die Anträge mit großer Gewissen-