Die deutsche Frage und die Krisis im Zollverein zu Anfang der 60er Jahre. 571
Den Anstoß dazu hatte Napoleon III. gegeben, der dem Prinzregenten
eine persönliche Zusammenkunft in Baden vorgeschlagen hatte. Sie war von
diesem nur unter der Bedingung angenommen worden, daß die Unverletzlichkeit
deutschen Gebietes die Grundlage der Verhandlungen sein müsse; denn man
wußte, daß die Rheingrenze in den Zukunftsplänen Napoleons eine Relle spielte.
Der Prinzregent lud zugleich die deutschen Fürsten außer Österreich zur Teil-
nahme an dieser Zusammenkunft ein, und seit dem Juni 1860 fanden in Baden
Besprechungen statt, bei denen der Prinzregent gewissermaßen als das Haupt der
zahlreich erschienenen deutschen Fürsten geehrt wurde. Die Verhandlungen mit
Napoleon, der am 15. September in Baden erschien, blieben ohne erhebliche
politische Bedeutung; das Wichtigste war, daß eine preußische Partei unter den
deutschen Fürsten schon deutlich hervortrat, an deren Spitze Männer standen
wie der Großherzog Friedrich von Baden, der Schwiegersohn des Prinzregenten,
Großherzog Karl Alexander von Weimar, sein Schwager, und der Beschützer des
Nationalvereins, Herzog Ernst von Koburg. Der Prinzregent wich aber dem
Drängen zu Schritten, für die ihm die Zeit noch nicht reif zu sein schien, vor-
sichtig aus und äußerte sich anch hoffnungsvoll über die Möglichkeit einer Ver-
ständigung mit Österreich. Dem König Max von Bayern gelang es dann
wirklich, eine persönliche Zusammenkunft zwischen den Herrschern von Preußen
und Osterreich zu vermitteln, die am 26. Juli 1860 in Teplitz stattfand. Die
großen Fragen der Politik, namentlich auch die deutsche Frage, kamen dabei ihrer
Lösung nicht näher; aber das Verhältnis zwischen Preußen und ÖOsterreich war
nun äußerlich wiederhergestellt, und wie in früheren Zeiten fand im Oktober 1860
in Warschau eine Zusammenkunft der Herrscher von Preußen, OÖsterreich und
Rußland statt, freilich ohne daß dabei Abmachungen wie früher im Sinne der
Bekämpfung revolutionärer Bestrebungen stattgefunden hätten; Preußen stand
ja jetzt als konstitutioneller Staat an der Seite der beiden absolutistischen
Ostmächte.
Juzwischen hatten die Bundesreformbestrebungen der mittelstaatlichen
Minister, die in Würzburg zusammenzukommen pflegten, nicht geruht, und im
Oktober 1861 verdichteten sie sich zu einem umfassenden Reformplan, den der
sächsische Minister Graf Beust, der leitende Kopf in diesen Kreisen, dem öster-
reichischen Premierminister, Freiherrn von Rechberg, eröffnete. Danach sollte der
Bundestag ersetzt werden durch Ministerkonferenzen, die zweimal jährlich etwa
vier Wochen hindurch tagen sollten, das eine Mal unter dem Vorsitz von ÖOster-
reich in Regensburg, das andere Mal unter dem Vorsitz von Preußen in Ham-
burg. Die laufenden Geschäfte sollten von einem dreigliedrigen Direktorium
geleitet werden, zu dem außer Preußen und Osterreich noch ein dritter Fürst
aus der Reihe der Mittelstaaten gehören sollte. Neben dieser Zentralgewalt
des Bundes, die also ganz nach der Triasidee konstruiert war, sollte als Volks-
vertretung eine Delegierten-Versammlung der einzelnen Landtage mit nur
beratender Stimme stehen, die von Zeit zu Zeit nach dem Ermessen der
Regierungen zu berufen sein würde. Rechberg war anfangs auf diesen Plan
eingegangen; aber, nachdem er von den übrigen deutschen Regierungen allgemein
zurückgewiesen worden war, fand es auch Osterreich nicht rätlich, sich weiterhin
um seine Durchsetzung zu bemühen. Preußen, das sich natürlich auch ablehnend
verhalten hatte, kam bei dieser Gelegenheit auf den alten Gedanken der Union