Das deutsche militärische System 185
schwere Schlachtflotte; es wäre die reine Luxusflotte, wenn sic nicht zu
einem Angriff auf England bestimmt wärc.
Der Fehler dieses Raisonnements liegt darin, daß der Wert und
die Bedeutung einer Rüstung übersehen wird, die ihr innewohnen, auch
ohne daß sic tatsächlich angewandt wird. Immer wieder haben unsere
Marinesachverständigen dargelegt, daß eine Flotte auch gegenüber einem
viel stärkeren Feinde doch eine erhebliche Bedeutung habe, weil dieser,
selbst bei Aussicht auf einen vollständigen Sieg doch auch immer selbst
große Verluste erleiden müsse, dic seine Stellung in der Welt schwächen.
Man nannte das das Risikoprinzip. Mag es in Oeutschland Phantasten
gegeben haben, die von einer alsbaldigen Landung in England träumten,
in den verantwortlichen Kreisen selbst dachte man sehr viel nüchterner.
Man wollte mit der großen Schlachtflotte freilich mehr als die bloße Ver-
teidigung der cigenen Küsten, aber man wollte darum noch lange nicht
einen Angriff auf dic englischen. Was man wollte, war ein mittleres; man
wollte, sei es auf England, sei es auf andere Mächte einen solchen Druck
ausüben können, daß diese sich genötigt sahen, Deutschland in der Welt-
politik den Platz an der Sonne zu gönnen, auf den es gemäß seiner
Macht und seines inneren Wertes neben den anderen Mächten einen
Anspruch hat. Unausgesetzt wurden gewaltige neue Gebicte in Afrika
und in Asien zwischen Engländern und Franzosen, Russen, Ameri-
kanern und Japanern neu verteilt; Deutschland konnte und wollte davon
auf die Dauer nicht ausgeschlossen bleiben. Wenn Deutschland keine
Flotte bautc, so hättc es auch die Aufteilung der Türkei nicht verhindern
können. England mag es sehr übel empfunden haben, daß das Wachsen
der deutschen Flotte das Gros seiner eigenen dauernd in der Nordsce
fesselte. Aber von einer solchen Fesselung bis zu cinem Angriff ist cs
noch weit, und von den Schäden dieser Fesselung hätte sich England
ohne große Schwierigkeiten befreien können, indem es sich mit Deutsch-
land ehrlich auseinandersetzte. Unzweifelhaft hat es in England einc
Partei gegeben, welche einc solche friedliche Auseinandersetzung loyal
anstrebte, und Kaiser und Kanzler mit der gesamten öffentlichen Mei-
nung kamen diesem Streben bereitwillig und ohne jeden Hintergedanken
entgegen. Wenn dennoch die Gegenpartei in England schließlich die
Oberhand behalten hat, so lag das nicht an der sachlichen Unmöglichkeit
des Ausgleichs, noch weniger an irgendwelchen aggressiven Absichten
Oeutschlands, sondern einzig und allein daran, daß das aggressive Vor-
gehen des Panslawismus auf der Balkanhalbinsel, das sich endlich in der
Ermordung des Erzherzogs-Thronfolgers entlud, eine allgemeine Krisis
in Europa heraufführte und der englischen Kriegspartei Oberwasser gab.