A. Herkunft und Wesen der deutschen Institutionen 187
es bis zum Peloponnesischen Krieg seinen aristokratischen Führern ge-
horchte, daß diese Führer ihn erzogen, erhoben zu einer starken Staats-
gesinnung, zu einem Leben für die Staatsideale.
Gewiß hat es ganz= und halbbarbarische Völker kriegerischer Art ge-
geben, die im Anschluß an ein hartes Nomadenleben cine kriegerische,
freie politische Institutionen ansschließende, ganz oder halb despotische
Verfassung hatten, wie die Araber unter Mahomed, wie manche Ger-
manenstämme und Staaten in und nach der Bölkerwanderung. Aber
kriegerische Verfassung und politische Unfreiheit sind in keiner Weise
historisch unlöslich verbunden, sie sind keineswegs sich zeitlich stets fol-
gende Erscheinungen.
Sicht man von den älteren Typen kriegerisch organisierter Staaten
ab, die man überhaupt nicht direkt mit der Gegenwart vergleichen kann,
so gibt uns das Wort des großen Oxforder Professors Secley dic beste
Erkenntnis für die Ursachen, die im 18. und 19. Fahrhundert zur Aus-
bildung von Militärstaaten und damit zu gewissen Beschränkungen der
bürgerlichen Freiheit geführt haben; er sagt: „Das Maß von Freiheit,
das in einem Staate vernünftigerweise bestehen kann, ist umgckehrt pro-
portional dem militärisch-politischen Orucke, der auf seine Grenzen vom
Auslande her ausgeübt wird.“ Deutschland kam zur allgemeinen Wehr-
pflicht durch den unerhörten Oruck der französischen Kriege, der na-
polconischen Fremdherrschaft von 1792 bis 1813. Die Entstehung der
deutschen Flotte und die Heeresvermehrungen von 1890 bis heute gehen
zurück auf die englische Einkreisungspolitik und den vermehrten äuße-
ren Druck von Rußland und Frankreich her. Hätte England, das 1792
bis 1815 die Flotten der anderen Staaten zerstörte und ihre meisten Ko-
lonien eroberte, sich mit seiner Machtstellung von 1815 bis 1850 zu-
friedengegeben, hätte es die friedliche Politik, die es 1836 bis 1870
mit der Selbständigmachung seiner wichtigsten Kolonien und der Ein-
schränkung seiner Flottenrüstung verfolgte, von 1870 bis heute beibe-
halten, so hätten wir Deutsche wahrscheinlich keine Flotte geschaffen,
keine so großen Hceresvermehrungen wie jetzt vorgenommen. Aber cs
hat seit DOisracli eine neue Eroberungspolitik getrichen; es hat von 1880
bis 1900 allein 7 bis 8 Millionen qkm Land und 100 Millionen Men-
schen annektiert; es hat seine Flotte ins Ungemessenc vermehrt; der eng-
lische Staat ist wieder, wie Kant ihn im 18. Fahrhundert nennt, der er-
oberungssüchtigste, kriegerischste Staat Europas geworden. Kein Wun-
der, daß die anderen Staaten etwas nachfolgen mußten.
Aber ist England damit unfreier, undemokratischer geworden? Gewiß
nicht. Und ebensowenig ist Preußen und Oeutschland, weil es in den bei-