Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

146  Erwin  Nasse.  1  46

mehr  die  Handarbeiter  die  Verantwortung  für  die  Mißleitung  der  gewerblichen
  Thätigkeit  von  sich  ab,  auf  die  Unternehmer  und  Kapitalisten  zu
werfen  im  Stande  find.  Die  socialdemokratische  Agitation  hat  daher  aus
diesen  Vorgängen  mächtigere  Waffen  als  irgendwo  sonst  hergenommen.
Der  oft  ganz  unverdiente  und  zugleich  maßlose  Konjunkturgewinn  auf  der
einen  Seite,  die  ebenfalls  oft  unverschuldeten  Verluste  und  Leiden  auf  der
anderen,  welche  die  Folge  der  gewaltigen  und  plötzlichen  Preisveränderungen
in  solchen  Zeiten  sind,  haben  das  Gerechtigkeitsgefühl  verletzt  und  nicht
selten  auch  in  edleren  Gemüthern  und  bei  ideal  gerichteten  Naturen  das
Begehren  einer  gerechteren  wirthschaftlichen  Ordnung  und  planmäßigeren  Produktion
  wach  gerufen.  Mit  vollem  Recht  konnte  Marx  schon  im  Januar  1873
den  ersten  Band  seines  Buchs  üÜber  das  Kapital  mit  folgenden  Worten
schließen:  „Die  widerspruchsvolle  Bewegung  der  kapitalistischen  Gesellschaft
macht  sich  dem  praktischen  Bourgeois  am  schlagendsten  fühlbar  in  den
Wechselfällen  des  periodischen  Cyklus,  den  die  moderne  Industrie  durchläuft
  und  deren  Gipfelpunkt,  der  allgemeinen  Krise.  Sie  ist  wieder  im  Anmarsch,
  obgleich  noch  begriffen  in  den  Vorstadien,  und  wird  durch  die  Allseitigkeit
  ihres  Schauplatzes,  wie  die  Intensivität  ihrer  Wirkung  selbst  den
Glückspilzen  des  neuen  heiligen  deutschen  Reichs  Dialektik  einpauken  !“
Gegenüber  dieser  Folgen  ist  es  doch  nur  ein  schwacher  Trost,  wenn
Max  Wirth  sein  Buch  über  die  Handelskrisen  mit  der  Bemerkung  endet,  daß
es  nur  die  civilisirten  Länder  und  Plätze  sind,  welche  von  Krisen  heimgesucht
werden.  Denn  diese  Früchte  der  Civilisation  werden  uns  ja  eben  entgegengehalten,
  um  zu  beweisen,  daß  unsere  Civilisation  auf  Abwege  gerathen  ist.
Auch  dabei  wird  man  sich  nicht  leicht  beruhigen  können,  daß  jede  solche
aufsteigende  Periode  „Früchte  der  Konjunktur“  hinterläßt,  welche  die  Krifis
überdauern.  Gewiß  hat  z.  B.  unser  Eisenbahnnetz  durch  die  in  den  ersten
Jahren  nach  dem  Krieg  begonnenen,  oder  schneller  fortgeführten  Unternehmungen
  eine  raschere  Ausdehnung  erhalten,  als  es  unter  anderen  Verhältnissen
  möglich  gewesen  wäre.  Aber  find  nicht  die  damit  verbundenen
direkten  und  indirekten  Vermögensverluste  und  vor  Allem  die  durch  den
ausnahmsweise  zu  erzielenden  Gewinn  provocirten  unehrenhaften  Handlungen,
die  Einbuße  an  Vertrauen,  an  gegenfeitiger  Achtung  der  Stände  viel  größere
Schäden,  als  der  etwas  raschere  Fortschritt  des  Eisenbahnbaues?  Noch
weniger  kann  ein  allgemeiner  Hinweis  auf  die  Unvermeidlichkeit  von  gewaltsamen
  Störungen  der  menschlichen  Entwicklung,  eine  Berufung  auf  ähnliche
Krisen  in  der  Natur  z.  B.  auf  die  Bildung  des  Erdballs  und  seiner  Oberfläche
  durch  allerhand  Revolutionen  genügen.  Dergleichen  ist  nach  der  Krifis
von  1857  von  hervorragender  Seite  vorgebracht  worden.  Es  bleibt  immer
die  Frage,  warum  zeigt  sich  gerade  diese  Art  der  Störungen  in  unserer
Zeit  mit  so  besonderer  Macht,  was  sind  die  Aussichten  in  Bezug  auf  Wieder.
kehr  derselben  in  der  Zukunft  und  ist  es  möglich  ihnen  durch  irgend  welche
Reformen  in  unserer  gesellschaftlichen  Wirthschaft  vorzubeugen?  Von  allen
Seiten  sehen  wir  zur  Zeit  diese  Fragen  aufgeworfen,  und  eifrig  bemühen
sich  die  verschiedenen  wirthschaftlichen  Parteien  für  ihre  Parteianfichten  und
Parteizwecke  Kapital  aus  den  Vorgängen  der  letzten  Jahre  zu  schlagen.
Nun  fehlt  es  durchaus  nicht  an  vortrefflichen  wissenschaftlichen  Arbeiten
über  Handels=  und  Absatzkrisen.  Die  umfassende  gründliche  Darstellung