Full text : Unser Preußen.

4  Erster  Zeitraum.

Wenden  wieder  150  Jahre  lang  als  Heiden.  Wiederholt  fielen  sie  auch
verheerend  in  das  Sachsenland  ein  und  vernichteten  in  den  letzten  Lebenstagen
  Heinrichs  III.  (1056)  ein  sächsisches  Heer  an  der  Havelmündung;  nur
mit  Mühe  vermochten  die  Markgrafen  das  linke  Elbufer  zu  halten.  Der
Obotritenfürst  Gottschalk,  der  als  Gefangener  in  Deutschland  das  Christentum
  angenommen  hatte  und  sich  bemühte,  seine  Stammesgenossen  auf  friedlichem
  Wege  zu  bekehren,  wurde  während  der  Andacht  in  der  Kirche  zu
Lenzen  ermordet.

Schon  hatten  sich  die  Böhmen,  Sorben,  Ungarn,  Polen  und  selbst  die
Russen  dem  Christentume  zugewandt,  als  die  Obotriten,  Lutizen  und  Pommern
noch  am  Heidentum  festhielten.  Als  aber  der  Polenkönig  die  Pommern
unterworfen  hatte,  rief  er  den  Bischof  Otto  von  Bamberg  zur  Bekehrung
derselben  auf,  und  der  schon  bejahrte  Geistliche  unternahm  das  mühe=  und
gefahrvolle,  aber  verheißungsreiche  Amt.  Er  reiste  in  Begleitung  mehrerer
Geistlicher  und  unter  polnischem  Schutz  von  Gnesen  aus  zu  den  Pommern,
gewann  durch  seine  Predigt,  durch  sein  würde=  und  glanzvolles  Auftreten
sowie  durch  reiche  Geschenke  in  kurzer  Zeit  über  20000  Pommern  für  das
Christentum  und  errichtete  Kirchen  in  Pyritz,  Stettin,  Kammin  und  auf
Wollin  (1124  und  1125).  Nach  seiner  Abreise  wiegelten  zwar  die  heidnischen
  Priester  das  Volk  noch  einmal  gegen  Polenherrschaft  und  Christentum
auf;  aber  Bischof  Otto  brachte  auf  einer  zweiten  Missionsreise  (1127)  das
Christentum  in  Pommern  dauernd  zur  Herrschaft.  König  Friedrich  Wilhelm  III.
hat  dem  verdienten  Kirchenfürsten  in  Pyritz,  wo  er  die  erste  christliche  Gemeinde
  gegründet  hat,  ein  Denkmal  gesetzt.  Wenige  Jahre  nach  der  Bekehrung
  der  Pommern  begann  Albrecht  der  Bär  dem  Christentum  und
dem  Deutschtum  im  heutigen  Brandenburg  eine  dauernde  Stätte  zu  bereiten.

2.  Gründung  und  Erweiterung  der  Alark  durch  die  Anhaltiner.
.  Albrecht  der  Bär;  1134—1170.

Graf  Albrecht,  wegen  seiner  Tapferkeit  der  Bär  genannt,  stammte
aus  dem  Hause  der  Anhaltiner  oder  Askanier,  das  in  Ballenstädt
und  Aschersleben  begütert  war.  Seine  Mutter  war  die  Tochter  des  letzten
Billingers,  des  Herzogs  Magnus,  ihre  ältere  Schwester  die  Großmutter  Heinrichs
  des  Löwen.  Albrecht  hoffte  für  seine  Dienste,  die  er  Kaiser  Lothar  geleistet
  hatte,  auf  die  Herzogswürde  in  Sachsen;  Lothar  behielt  diese  zwar  für
sich,  übertrug  Albrecht  aber  die  Nordmark.  Sie  umfaßte  etwa  die  heutige
Altmark  und  einen  kleinen  Landstrich  zwischen  Havelberg  und  der  Elbe.  Da
die  benachbarten  Wenden  damals  in  mehrere  kleine  Stämme  gespalten  waren,
gelang  es  Albrecht,  ihnen  die  Prignitz  zu  entreißen.  Noch  mehr  gewann  er
auf  friedlichem  Wege  dadurch,  daß  der  alte  Wendenfürst  Pribislaw  von
Brandenburg  zum  Christentum  übertrat  und  ihn  zum  Erben  seines  Reiches
einsetzte.  Seit  dieser  Zeit  (1136)  nannte  Albrecht  sich  Markgraf  von
Brandenburg.  Konrad  III.  übertrug  ihm  den  nenen  Besitz  —  die  spätere
Mittelmark  —  als  ein  erbliches,  von  dem  Herzogtum  Sachsen  unabhängiges