96 Zweiter Zeitraum.
erkannte die Gefahr, welche dem Staate durch das Abnehmen, ja Verkommen
des Bauernstandes drohte. Zuerst schritt er gegen das „Bauernlegen“, d. i.
die Zusammenlegung des bäuerlichen Besitzes mit dem adligen Gute, ein und
verlangte, daß die seit 1624 eingezogenen Bauerngüter wieder mit Bauern
besetzt würden. Dann gebot er, kein Pächter oder Beamter solle sich unter—
stehen, die Unterthanen bei den Hofdiensten auf dem platten Lande mit
Peitschen- oder Stockschlägen zu mißhandeln oder zur Arbeit anzutreiben.
Jeder Ubertreter ward das erstemal mit sechswöchigem Karrenschieben, das
zweitemal mit dem Strange bestraft. Auch verordnete er, daß die Bauern
in der Regel wöchentlich nur einen Tag Spanndienste leisten sollten. Ebenso
schaffte er das von den Beamten oft mißbrauchte Vorspannrecht ab, indem er
schrieb: „Ich will nicht, daß die Herren Beamten mit meiner Bauern Pferden
spazieren fahren.“ Auf seinen Domänen — diese umfaßten mehr als ein
Drittel des ganzen Grundbesitzes — hob er die Hörigkeit auf; zwar scheiterte
sein Versuch, auch den übrigen Bauern die Freiheit zu geben, an dem Widerstande
aller Beteiligten; aber es wurden doch in einzelnen Gegenden auch auf
den Gütern der Edelleute die Hofdiensttage eingeschränkt, und ein königlicher
Befehl untersagte es streng, die Bauern ohne rechtlichen Grund vom Gute
zu jagen. Damit war der Anfang gemacht zu der Befreiung des
Bauernstandes, der an der Hand des Königtums sich aufzurichten
begann, aber durch den Unterricht zunächst für die Freiheit fähig
gemacht werden mußte.
„Menschen halte ich für den größten Reichtum,“ schrieb der König
einmal. Um Bauern und Handwerker ins Land zu ziehen, scheute er weder
Mühe noch Kosten. Die nach Preußen eingewanderten erhielten außer den
Ländereien freies Brennholz und neun Jahre Befreiung von allen Lasten und
Abgaben, minder begüterte auch noch bares Geld zur Anschaffung von Vieh,
Ackergeräten und Saatkorn. Aus Schwaben, der Pfalz, sowie den rheinischen
und fränkischen Bistümern zogen Evangelische, um ihres Glaubens willen in
der Heimat bedrängt, mehr und mehr nach Preußen; einwandernde Polen
wurden zurückgewiesen. Bis 1728 waren 20000 Familien eingewandert, für
deren Ansiedelung der König fünfzehn Millionen Mark aufwandte. Als um
diese Zeit der Erzbischof von Salzburg von seinen evangelischen Unterthanen
verlangte, sie sollten katholisch werden oder auswandern, wobei ihn sogar der
Kaiser mit Militär unterstützte, nahm sich Friedrich Wilhelm der Bedrängten
an und erklärte sie für preußische Unterthanen, so daß der Bischof ihnen
gestatten mußte — was er anfänglich verweigert hatte —, ihre Kinder
mitzunehmen und ihre Güter zu verkaufen. Preußische Gesandte nahmen sie
an der Grenze Salzburgs in Empfang und geleiteten sie nach Preußen, wo
sie überall wie Brüder ausgenommen wurden (1732). Sie wurden Unter den
Linden in Berlin festlich bewirtet; der König war selber zugegen und rief
ihnen wiederholt zu: „Ihr sollt es bei mir gut haben, Kinder.“ Zur Unterbringung
der Salzburger gab er achtzehn Millionen Mark her; er ordnete
nicht nur alles selber an, sondern überwachte auch die Ausführung bis ins
kleinste. „Die Manufakturisten nach der Neumark, die Ackerleute nach Preußen!“
so bestimmte er. Für etwa 6000 Kolonisten hatte er Fürsorge getroffen;