Full text : Unser Preußen.

164  Zuweiter  Zeitraum.

liebte.  Schon  früh  zeigten  sich  bei  dem  Prinzen  strenge  Wahrheitsliebe  und
Einfachheit.  Einst  traf  ihn  der  König  im  Garten  von  Sanssouci,  erkundigte
sich  nach  seinen  Fortschritten  in  der  französischen  Sprache  und  forderte  ihn
auf,  eine  französische  Fabel  zu  übersetzen.  Als  dies  trefflich  gelang,  lobte  ihn
der  König;  der  Prinz  aber  erzählte,  daß  er  gerade  diese  Fabel  erst  vor
kurzem  bei  seinem  Lehrer  übersetzt  habe.  Da  streichelte  ihm  der  König  die
Wangen  und  sprach:  „So  ist's  recht,  lieber  Fritz!  Wolle  nie  scheinen,  was
Du  nicht  bist;  sei  stets  mehr,  als  Du  scheinst.“  Im  Weitergehen  fuhr  er
fort:  „Fritz,  werde  etwas  Tüchtiges!  Es  wartet  Großes  auf  Dich;  Du
wirst  einmal  einen  schweren  Stand  haben.  Wache  über  unsere  Ehre  und
unseren  Ruhm;  begehe  keine  Ungerechtigkeiten,  dulde  aber  auch  keine!“  Der

   

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Königin  Luise.  Friedrich  Wilhelm  III.

(Nach  Kügelgens  Orig.  im  Besitz  der  Stadt  Memel.)

Prinz  erwuchs  zu  einem  stattlichen  Jüngling;  seine  treuen  blauen  Augen  erweckten
  sofort  Zutrauen.  Seine  Mutter  lebte  in  den  letzten  Jahren  von
ihrem  Gemahl  getrennt;  auch  der  Prinz  zog  sich  schen  von  dem  üppigen
Hofleben  zurück  und  bewahrte  sich  dadurch  sein  einfaches,  sparsames  Wesen
sowie  sein  kindlich  frommes  Gemüt.  Einst  wies  er  ein  Körbchen  mit  Erdbeeren,
  das  ihm  im  Winter  angeboten  wurde,  des  hohen  Preises  wegen
zurück,  gleich  darauf  schenkte  er  aber  einem  durch  lange  Krankheit  verarmten
Schuhmacher  zwanzig  Thaler.  Sein  Adjutant  wurde  Major  von  Köckeritz,
ein  Mann  von  häöchst  ehrenwertem  Charakter,  aber  ohne  tiefere  Bildung,  der
nie  im  Kriege  gefochten  hatte  und  nichts  so  sehr  wünschte  als  Ruhe  und
Frieden.  Dieselbe  Gesinnung  beherrschte  auch  den  Kronprinzen.  Zwar  hatte
er  sich  in  den  Kriegen  gegen  Frankreich  und  Polen  als  furchtloser  Offizier
bewährt;  aber  der  Anblick  der  blutigen  Schlachtfelder  flößte  ihm  eine  unüber-