Full text : Unser Preußen.

190  Zweiter  Zeitraum.

Rückstandes.  Um  den  Zürnenden  durch  ein  Zeichen  des  Vertrauens  zu  beschwichtigen,
  verlegte  der  König  zu  Weihnacht  1809  seinen  Hof  wieder  nach
Berlin,  mitten  unter  die  französischen  Besatzungen.  Die  Bürger  ließen  es
sich  auch  jetzt  nicht  nehmen,  dem  schwer  geprüften  Königspaare  durch  einen
festlichen  Empfang  ihre  Liebe  zu  bekunden  —  die  Häuser,  waren  trotz  der
Winterzeit  mit  Grün  bekleidet,  alle  Glocken  läuteten,  die  Bürger  und  Truppen
waren  in  langen  Reihen  aufgestellt  —;  aber  tiefer  Ernst  lag  auf  den  Zügen
des  Königs,  und  die  Königin  Luise  saß  weinend  in  dem  Wagen,  welchen  die
verarmte  Stadt  ihr  zum  Einzug  geschenkt  hatte.  Die  königliche  Familie  war
in  Berlin  in  Napoleons  Gewalt;  um  so  ungestümer  drang  er  daher  auf
Abtragung  der  Kriegsschuld  und  drohte,  das  Land  wieder  zu  besetzen;  doch  wollte
er  auf  weitere  Zahlung  verzichten,  wenn  man  ihm  Schlesien  abtreten  wollel
Das  Ministerium  Altenstein  riet,  darauf  einzugehen;  aber  entrüstet  wies  der
König  solchen  Antrag  zurück,  entließ
  das  Ministerium  und  berief
mit  Napoleons  Zustimmung,  der
gern  zu  seinem  Gelde  kommen
wollte,  Hardenberg  mit  dem
Titel  eines  Staatskanzlers.

In  diesen  Tagen  wurde  das
königliche  Haus  und  mit  ihm  das
ganze  Land  von  einem  schweren
.  Schlage  heimgesucht.  Die  Königin
LTLAiuise  hatte  voll  Gottvertrauen  die

Hoffnung  auf  eine  bessere  Zukunft,
auf  den  endlichen  Sieg  der  guten
Sache  nie  verloren  und  war  durch
diese  ihre  Zuversicht  und  ihr  opfer-8EENN(Q*

  mütiges  Entsagen  dem  ganzen  Volke

Hardenberg.  ein  hehres  Vorbild.  Aber  ihr  Körper

  war  allen  den  Stürmen  nicht

gewachsen.  Als  sie  ihren  Vater  und  ihre  hochbetagte  Großmutter  in  Hohenzieritz

  in  Mecklenburg-Strelitz  besuchte,  wurde  sie  dort  von  einer  heftigen

Brustkrankheit  befallen.  Der  König  eilte  mit  seinen  beiden  ältesten  Söhnen

zu  ihr,  fand  sic  aber  bereits  im  Sterben.  Schon  nach  wenigen  Stunden  entschlief

  sie  (19.  Juli  1810).  Die  teure  Leiche  wurde  nach  Berlin  gebracht  und

später  in  dem  neu  errichteten  Mausoleum  zu  Charlottenburg  beigesetzt,

wo  der  König  ihr  von  Rauchs  Künstlerhand  ein  herrliches  Denkmal  errichten
ließ.  Das  ganze  Land  klagte  mit  Schenkendorf:

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Nose,  schöne  Königsrose,  Herr  und  König,  schau  nach  oben,
83  auch  dich  der  Sturm  getroffen?  o  sie  leuchtet  gleich  den  Sternen,
ilt  kein  Beten  mehr,  kein  Hoffen  Wo  in  Himmels  weiten  Fernen

Bei  dem  schreckenvollen  Lose?  Alle  Heilige  sie  loben!

Gerade  in  diesen  trüben  Tagen  wurde  dem  Könige  ein  lange  gehegter
Wunsch  erfüllt.  Bald  nach  dem  Unglückstage  von  Tilsit  schrieb  er:  „Der
Staat  muß  durch  geistige  Kräfte  ersetzen,  was  er  an  physischen  verloren  hat.“