224 Zweiter Zeitraum.
Reihen Wellingtons zu durchbrechen, besonders dessen schwachen linken Flügel, der
noch durch die sehnlichst erwarteten Preußen verstärkt werden sollte. Schon um ein
Uhr erfuhr er durch einen aufgefangenen Brief, daß diese heranzögen; nicht lange,
da sah man auch schon die Spitzen derselben, und er mußte seine rechte Flanke gegen
sie decken. Noch einmal versuchte er, das englische Centrum zu durchbrechen, bevor
die Preußen in den Kampf mit eingreifen könnten, allein vergebens! Aber die englische
Reserve war bis auf den letzten Mann verbraucht. Besorgt sprach Wellington:
„Blücher, oder die Nacht!“ und sandte Boten auf Boten mit der dringenden Bitte
um Hilfe an den treuen Waffengefährten. Um halb fünf Uhr hatten die Preußen
den Kampf auf der rechten Seite und im Rücken der Franzosen eröffnet, Wellington
konnte also von seinem linken Flügel Verstärkungen ins Centrum ziehen. Um sieben
Uhr erstürmte Bülow Plancenoit, auf der ganzen Linie rückten die Preußen vor;
bald war das französische Heer von drei Seiten fest umschlossen und löste sich auf. Kein
Befehl fand mehr Gehör, in wirrem Durcheinander flohen Fußvolk und Reiter davon.
Das englische Heer war zum Verfolgen zu müde; Gneisenau aber sprach: „Wir
haben gezeigt, wie man siegt, nun wollen wir auch zeigen, wie man verfolgt!““ Mit
den sofort verfügbaren Truppen eilte er den Flüchtigen nach; wo sie sich setzen wollten,
wurden sie wieder aufgescheucht. Als die Jußsoldaten nicht mehr weiter konnten,
setzte er einen Trommler aufs Pferd und ließ ihn fortwährend trommeln: wie viele
französische Scharen sind vor dieser einzigen preußischen Trommel auseinander gelaufen!
So ging die Jagd bis zum Morgengrauen. Napoleon war zu Pferde davon
geeilt, sein Wachn nebst Hut, Degen und vielen Schäten fiel den Preußen in die
Hände. Die Sitzkasten waren ganz mit Gold, Silber und Diamanten gefüllt. —
Blücher nannte die Schlacht nach dem Gute, wo er mit Wellington am Abend zusammengekommen
war, Belle-Alliance; Wellington erkannte diesen Namen nicht
an: die Schlacht sollte als sein Sieg erscheinen, daher nannte er sie nach seinem
letzten Hauptquartier Waterloo, obgleich dort gar nicht gekämpft worden war.
Blücher dankte seinem tapferen, unübertrefflichen Heere im einem Armeebefehl,
in welchem es heißt: „Solange es Geschichte giebt, wird sie Euer gedenken. Auf
Euch, Ihr unerschütterlichen Säulen der preußischen Monarchie, ruht mit Sicherheit
das Glück des Königs und seines Hauses. Nie wird Preußen untergehn, wenn
Eure Söhne und Enkel Euch gleichen!“
Schon elf Tage nach der Schlacht bei Belle-Alliance standen Preußen
und Engländer zum zweitenmal vor Paris. Napoleon konnte kein Heer mehr
zusammenbringen; er wurde vom Senate für abgesetzt erklärt und bot vergebens
der neu eingesetzten Regierung seine Dienste als einfacher General an.
Vor den anrückenden Preußen, die den Engländern weit voraus waren, floh
er auf ein englisches Kriegsschiff in Rochefort. Nach kurzem Widerstande
kapitulierte Paris. Blücher rückte ein und führte ein scharfes Regiment. Er
verlangte zweimonatigen Sold für seine Truppen und sofort eine Kriegsstener
von zwei Millionen Frank, ließ auch die aus Preußen geraubten Kunstwerke
aufspüren und zurücknehmen. Die „Brücke von Jena“ wollte er in die Luft
sprengen lassen. Als Talleyrand ihm vorstellte, er könne doch solches Kunstwerk
nicht zerstören wollen, erwiderte der alte Haudegen: wenn er es nicht
glauben wolle, möge er sich hinaufstellen, dann würden zwei Kunstwerke zugleich
in die Luft fliegen. Aber an der Ausführung hinderten ihn die verbündeten
Monarchen, welche drei Tage nach ihm einzogen. Schon vor ihnen
war Ludwig XVIII. unter Wellingtons Schutze, aber gegen Blüchers Wunsch
zurückgekehrt; mit ihm schlossen die Verbündeten am 20. November 1815 den
zweiten Pariser Frieden. Blücher hatte seinen König gebeten, „die
Diplomatiker anzuweisen, daß sie nicht wieder verlieren, was der Soldat mit
seinem Blute errungen hat“. Deutsche Fürsten, Staatsmänner und Feld-