Full text : Unser Preußen.

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  225

herren  forderten  einmütig  die  Rückgabe  Elsaß-Lothringens;  aber  England  und
Rußland  überboten  einander  an  Großmut  gegen  Frankreich  und  wünschten
nicht  eine  Erstarkung  Deutschlands.  Ihnen  stimmte  dann  auch  Osterreich  zu,
das  Preußens  Wachstum  fürchtete.  Schließlich  brauchte  Frankreich  nur  Savoyen
  und  Nizza  an  Sardinien,  Landau  an  Bayern,  Saarlouis  und  Saarbrücken
  an  Preußen  sowie  einen  Landstrich  an  der  belgischen  Grenze  abzutreten.
  Die  ihm  auferlegten  700  Millionen  Frank  Kriegskosten  betrugen  vielleicht
  ein  Fünfzehntel  von  dem,  was  die  Franzosen  in  den  Jahren  1806  bis
1812  allein  in  Preußen  erhoben  hatten.  —  Napoleon  wurde  als  Gefangener
der  Verbündeten  nach  St.  Helena  gebracht,  wo  er  als  „General  Bonaparte“
unter  scharfer  Bewachung  lebte  (F  5.  Mai  1821).

Der  Wiener  Kongreß  hatte  seine  Arbeiten  schon  wenige  Tage  vor  der
Schlacht  bei  Belle-Alliance  geschlossen;  die  Bestimmungen  desselben  wurden
grundlegend  für  den  europäischen  Rechtszustand  während  der  nächsten  fünfzig
Jahre.,  OÖsterreich  erhielt  Tirol  und  Salzburg  zurück,  verlor  aber  seine
niederländischen  Provinzen  sowie  seine  alten  Besitzungen  am  Oberrhein  (Breisgau)
  und  am  Bodensee,  die  schon  Napoleon  an  Baden  und  Württemberg  gegeben
  hatte.  Dafür  erhielt  es  Dalmatien,  sowie  Lombardei-Venedig  und  erlangte
  dadurch  in  Italien  eine  vorherrschende  Stellung.  Bayern  bekam  für
das  abgetretene  Tirol  die  Rheinpfalz,  Hannover  ward  infolge  der  mächtigen
Fürsprache  Englands  zum  Königreich  erhoben  und  erwarb  Ostfriesland,  Hildesheim,
  Goslar,  Lingen,  Meppen  und  die  Grafschaft  Bentheim.

Preußen,  das  für  den  Krieg  die  größten  Opfer  gebracht  und  zu  dessen
günstiger  Entscheidung  am  meisten  beigetragen  hatte,  erhielt  keine  entsprechende
Entschädigung.  Man  wollte  ihm  zwar  den  Umfang  von  1805  wiedergeben;
da  nun  aber  Rußland  die  polnischen  Besitzungen  nicht  wieder  ausliefern
wollte,  so  sollte  Preußen  durch  Sachsen  entschädigt  werden.  Aber  Osterreich
und  England  wünschten  nicht  eine  Vergrößerung  Rußlands,  jenes  auch  nicht
eine  Abrundung  Preußens,  aber  die  Erhaltung  Sachsens,  und  es  kam  über
diese  Frage  zu  ernster  Verwickelung.  Der  französische  Gesandte  Talleyrand,
dem  man  leider  den  Zutritt  gestattet  hatte,  schürte  den  Streit,  so  daß  es  fast
zu  einem  neuen  Kriege  zwischen  Österreich,  England  und  Frankreich  einerseits
  und  Rußland  und  Preußen  andererseits  gekommen  wäre.  Endlich  einigte
man  sich  noch  vor  Napoleons  Rückkehr  dahin,  daß  Polen  und  Sachsen  geteilt
  wurden.  Preußen  verlor  Ostfriesland,  Hildesheim,  Goslar
und  Lingen  an  Hannover;  Ansbach  und  Baireuth  an  Bayern;  den  größten
Teil  der  polnischen  Besitzungen  an  Rußland,  nur  Danzig,  Thorn  und
die  heutige  Provinz  Posen  erhielt  es  zurück.  Dazu  erwarb  es  neu:

1.  Das  Herzogtum  Westfalen,  das  bisher  zu  Köln  gehörte,  mit  der
Grafschaft  Arusberg.

2.  Am  Rhein:  Jülich  und  Berg,  dazu  das  Siegener  Land,  daun
die  Länder  der  geistlichen  Kurfürstentüimer  Köln  und  Trier  und  die
freien  Reichsstädte  Köln  und  Aachen.

3.  Die  größere,  aber  dünner  bevölkerte  nördliche  Hälfte  des  Königreichs
Sachsen;  die  kleinere  Hälfte  mit  Dresden  und  Leipzig  blieb  als  Königreich
  bestehen.

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  15