Full text : Unser Preußen.

310  ·  Dritter  Zeitraum.

Spiegelsaale  des  Schlosses  zu  Versailles,  wo  schon  so  mancher  für  Deutschland
  verderbliche  Plan  geschmiedet  worden  war,  das  neue  deutsche  Kaisertum
verkündigen.

Der  König  hatte  sich  jeden  Prunk  und  jedes  Lob  seiner  Verdienste  verbeten;
  auch  einen  Thron  wies  er  zurück.  Vor  einem  einfachen,  mit  einer
roten  Decke  bekleideten  und  mit  dem  Eisernen  Kreuz  geschmückten  Feldaltar
sprach  Divisionspfarrer  Rogge  ein  von  Choralgesängen  eingeleitetes  und  geschlossenes
  Gebet.  Dann  trat  der  König  auf  eine  Erhöhung;  rechts  von  ihm
stand  der  Kronprinz,  zu  beiden  Seiten  dreißig  Fürsten  und  Prinzen,  hinter
ihnen  56  Fahnen  und  5—600  Offiziere  des  Belagerungsheeres.  Mit  lauter
Stimme  verkündete  er  seinen  Entschluß,  die  Kaiserwürde  anzunehmen,  und
forderte  den  Grafen  Bismarck  auf,  die  Ansprache  „An  das  deutsche  Volk“
zu  verlesen,  in  der  er  sagte:  „Wir  bekunden  hiermit,  daß  wir  es  als  eine
Pflicht  gegen  das  gemeinsame  Vaterland  betrachtet  haben,  dem  Rufe  der
verbündeten  deutschen  Fürsten  und  Städte  Folge  zu  leisten  und  die  deutsche
Kaiserwürde  anzunehmen.  Wir  hoffen  zu  Gott,  daß  es  der  deutschen  Nation
gegeben  sein  werde,  unter  dem  Wahrzeichen  ihrer  alten  Herrlichkeit  das  Vaterland
  einer  segensreichen  Zukunft  entgegenzuführen.  Wir  übernehmen  die
kaiserliche  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Pflicht,  in  deutscher  Treue  die
Rechte  des  Reichs  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu  wahren,  die
Unabhängigkeit  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft  seines  Volkes,  zu
verteidigen.  Uns  aber  und  unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone
wolle  Gott  verleihen,  allezeit  Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu
sein,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,  sondern  an  den  Gütern
und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,
Freiheit  und  Gesittung.“  Kaum  war  das  letzte  Wort  verklungen,  so
rief  der  Großherzog  von  Baden:  „Se.  Majestät  der  Kaiser  Wilhelm  lebe
hoch!“  und  alle  stimmten  begeistert  ein.  Wie  zum  Schwur  erhoben  Fürsten
und  Offiziere  die  Rechte,  Säbel  entfuhren  der  Scheide,  und  ein  brausendes
Hoch  durchhallte  den  Saal  Ludwigs  XIV.  Der  Kronprinz  verneigte  sich  vor
seinem  kaiserlichen  Vater,  der  ihn  herzlich  umarmte;  aus  der  Ferne  donnerten
die  Belagerungsgeschütze  ihren  Gruß;  die  sieggewohnten  Fahnen  umrauschten
den  kaiserlichen  Feldherrn.

Am  21.  März  1871  trat  in  Berlin  der  erste  aus  allgemeinen  Wahlen
hervorgegangene  Deutsche  Reichstag  zusammen;  an  demselben  Tage  wurde
Graf  Bismarck  in  den  Fürstenstand  und  zum  Reichskanzler  erhoben.  In
der  Eröffnungsrede  gab  Kaiser  Wilhelm  nochmals  seinem  „demütigen  Dank
gegen  Gott  Ausdruck  für  die  weltgeschichtlichen  Erfolge,  mit  denen  seine  Gnade
die  treue  Eintracht  der  deutschen  Bundesgenossen,  den  Heldenmut  und  die
Mannszucht  unserer  Heere  und  die  opferfreudige  Hingebung  des  deutschen
Volkes  gesegnet  hat“,  und  schloß  mit  den  Worten:  „Möge  dem  deutschen
Reichskriege,  den  wir  soeben  siegreich  geführt,  ein  nicht  minder  glorreicher
Reichsfriede  folgen,  und  möge  die  Aufgabe  des  deutschen  Volkes  fortan  darin
beschlossen  sein,  sich  in  dem  Wettkampfe  um  die  Güter  des  Friedens  als
Sieger  zu  erweisen.“"  Die  Aufgabe  des  ersten  Reichstages  bestand  darin,
die  Wunden,  welche  der  Krieg  geschlagen,  nach  Möglichkeit  zu  heilen,  den  um