Künstliche Ernährung des Säuglings. 373
Ist man imstande, täglich zwei- oder dreimal frischgemolkene Tiermilch
zu reichen, und geht man in der schon angegebenen Weise sehr sorgfältig mit
Milch und Gefäßen um, so genügt bei gesunden Kindern ein einmaliges
Aufkochen der Milch, der man dabei die gelöste Pflanzenmilch zusetzt.
Sofortiges Einfüllen der Flaschen, Kühlstellen und guter Verschluß werden
Gärungserscheinungen im Verdauungskanal des Kindes, die so viel Durchfall
und Unruhe erzeugen, verhindern. Erhält man die Milch aber nur alle
24 Stunden frisch oder gar noch später, oder befindet man sich im Juli oder
August, zu welcher Zeit der hohen Außentemperatur wegen alles rasch säuert
und verdirbt, dann koche man die für die zweite Tageshälfte bestimmten
Flaschen im Wasserbade (einige Minuten lang), um sie steril zu erhalten. Das
lange Kochen der Milch macht ihren Käse bekanntlich zäher, wodurch sie schwerverdaulich
wird; daher ist es besser, sie auf Eis zu stellen, statt lange zu kochen.
Noch ist zu erwähnen, daß der Salzgehalt der Frauenmilch sich von
jenem der Kuhmilch wesentlich unterscheidet, was zum Teil auch auf Ernährungsverhältnisse
zurückzuführen ist. Die Pflanzenmilch enthält an Salzen:
Kali Natron Kalk Magnesia Eisenoxyd Phosphorsäure
20,60 4,00 35,80 0,55 0,68 31,20
Schwefelsäure Kieselsäure
6,07 1,10
Wir. sehen Kalk und Phosphorsäure vorwiegen, wie es die wachsenden
Knochen des Kindes bedürfen. Auch die anderen Bestandteile ergänzen die
Tiermilch; daher ist die Pflanzenmilch wohl geeignet, Schwankungen in der
Zusammensetzung der Milch auf das vorteilhafteste auszugleichen, und wir
empfehlen sie deshalb auch für jene Fälle, wo die Mutter nicht imstande ist,
den Säugling vollständig mit ihrem Vorrat an Milch zu sättigen und wo
man daher auch die Flasche einschieben muß. Muttermilch verträgt sich sehr
gut mit Pflanzenmilch. Sie hat bei heruntergekommenen Kindern, die gar
keine Muttermilch hatten, die besten Dienste geleistet und zu kräftigem
Knochenbau und zu gesunder Gesichtsfarbe geführt.
Über die Art der Tiermilch wäre noch zu sagen, daß Gesundheit des
Tieres, sei es Kuh, Ziege oder Esel, das Haupterfordernis ist, um sie zur
Ernährung eines Säuglings zu befähigen. Weidentiere sind gesünder
als Stalltiere, und bei Trockenfütterung ist ihre Pflege reinlicher,
ihre Verdauung weniger Störungen unterworfen als bei Grünfutter oder gar
bei Verwendung von Fabrikabfällen, wie Schlempe oder Treber. Bevor man
einen Stall wählt, untersuche man zuerst die Fütterungsverhältnisse; denn
manches Kind ging nicht an der Tiermilch an sich, sondern an der ungesunden
und in zweiter Linie unreinen Milch zugrunde. In größeren Städten
besitzen wir ja längst Milchwirtschaften, welche die sorgfältige Herstellung der
Säuglingsnahrung sich zur Hauptaufgabe machen. Sie erleichtern den Müttern
das schwierige Geschäft des Aufziehens wesentlich.