1. Capitel.
Antritt der Regentschaft.
Wilhelm, Prinz von Preußen, war sechzig Jahre alt,
als er im Herbst 1857 die Leitung der Staatsgeschäfte als
Stellvertreter seines königlichen Bruders übernahm. In seiner
schlichten Weise hat er es später oft ausgesprochen: in jungen
Jahren habe ich niemals an die Möglichkeit meiner Thron-
besteigung gedacht; ich habe damals gelernt, eine Infanterie-
division richtig zu führen, um Staatssachen aber habe ich
mich wenig bekümmert. In der That ging der junge Officier
in seinen militärischen Arbeiten mit Leib und Seele auf, zum
Heile Preußens, denn unter tüchtiger Leitung ist der mili-
tärische Beruf eine treffliche Vorschule für den künftigen
Herrscher, durch die Gewöhnung an raschen Entschluß, sichern
Befehl und unbedingte Pflichterfüllung. Allerdings blieb
dann seine Bildung für geraume Zeit eine einseitige, wurde
jedoch bei seinem ernsten Fleiß in ihrem Kreise um so gründ-
licher. Gründliche Arbeit aber erzieht alle Kräfte des Geistes,
und macht sie geschickt, wo es erforderlich wird, auch auf
früher unbekannten Gebieten sich bald zurecht zu finden,