Bundestreue Haltung Sachsens. Bismarcks Zorn auf Dolwigk. 103
oder Weniger an militärischen Garantien ankäme, würde ein Austausch von Truppen
beider Staaten deren mehr gewähren als der gegenwärtige Zustand.
Dagegen würde ich es nicht für angezeigt erachten, wenn man sich des unmittelbaren
Besitzes der die sächsisch-böhmische Eisenbahn und die Elbschiffahrt beherrschenden Festung
Königstein entäußern wollte.
Ist biernach die Räumung des Königreichs Sachsen, mit Ausschluß des Königsteins,
lediglich eine Frage politischer Erwägung, so glaube ich, der unterzeichnete Minister der
auswärtigen Angelegenheiten, dieselbe bei Curer Königlichen Mojestät ebrfurchtsvollst
befürworten zu können. Es ist wünschenswert, die Crinnerungen an den Krieg sobald als
möglich verschwinden zu lassen. Es ist mir kein Grund bekannt, an der Sortdauer der
Korrekten und bundestreuen Haltung der sächsischen Regierung zu zweifeln. In ihren
Augen würde die Räumung als ein Beweis von Vertrauen von hohem Werte sein für ihr
Verhältnis gegen Preußen und gegen das eigene Volk; und sollten veränderte Verhält-
nisse eine veränderte Disposition erzeugen, so würden in den Eurer Königlichen Majestät
verfassungsmäßig zustehenden Befugnissen, innerbalb des Bundesgebietes die Garnisonen
zu bestimmen und äußersten Salls über einzelne Teile desselben den Kriegszustand zu ver-
bängen, genügende Mittel zur Wahrung der Bundesinteressen gegeben sein.
" An Eure Königliche Majestät richten wir demnach die alleruntertänigste Bitte, die
Gurückziehung der Königlichen Garnisonen aus Leipzig und Bautzen allergnädigst geneh-
migen zu wollen.
*9021. Erlaß an den Botschafter in Darls Grafen von der Goltz.
[Konfzept von der Hand des Vortragenden Rats Bucher.)
Am 22. Oktober batte Graf v. d. Goltz über eine Unterredung berichtet, die er tags zuvor
mit dem seit dem 10. in Paris weilenden Boßbeno lich Heliischen Ministerprösidenten Freiherrn
v. alwigt gehabt batte. Danach wollte Dalwigse Bismarck selbst vorgestellt haben, daß Hessen
auf die Dauer nicht in seiner Doppelstellung mit einem Teile im Norddeutschen Bunde, mit
einem anderen in Süddeutschland verbleiben könne, Bismarck aber habe Feantvortel. daß der
Eintritt von ganz Hessen in den NDorddeutschen Bund aus MBücksicht auf Srankreich fürs erste
— Lulässig E—l Sl, dazu nuuch. die Cagebücher des Freiherrn N. v. Dalwigk mu Lichtenfels,
Schüßler, S. 343, 3dd. Tatsächlich hatte Bismarck sich in solchem Sinne am 30. Juli
— in Schihler. s. zu Galwigt geäußert (ogl. Die Gesammelten Werke, VI. 91, Anm. 1); e
faßte indessen die Goltzsche Mitteilung jo auf, als solle er sich auch neuerdings in gleicher Tendem
geäußert haben, und geriet dorüber in beftige Erregung.
Berlin, den 3. November 1867.
Die in dem gefälligen Berichte vom 29. v. M. mitgeteilte Außerung des Herrn
von Dalwigk, ich hätte ihm gesagt, daß aus Rücksicht auf Srankreich der Cintritt von ganz
Hessen in den Aorddeutschen Bunds: für jetzt nicht zmulässig sei, ist eine der groben Unwahr-
1 Bismarck denkt hier wohl an die Art, wie Sreiherr von Dalwigk am 27. Juni in der Ersten bessischen
Kammer den beantragten Eintritt des ganzen Grohbersogtums in den NDorddeutschen Bund bekämpft batte.
Vgl. dazu Götz, Die Stellung Hessen-Darmstadts in den Jahren 1866 bis 1871, S. 76 f. Die damalige
TZußerung SGt. daß die Grohher#ogliche Regierung allein schon durch die Nüasscht auf Preußen ab-
gehalten worden sei, einen Antrag wegen Eintritts des ganden Großherzogiums in den Vorddeutschen Bu
ju stellen, weil sie dadurch nichts anders erreicht baben würde, als Preußen in Verlegenheit ju setzen, war
von Bismarck bereits in der Reichstagssitzun # 24. Septemder in aller Form desavouiert worden, ogl.
H. Kobl, Die politischen Reden des Sürsten ismarck, III. 315. Dalwigk quittierte bereichnenderweise auf
die Außerungen Bismarcks, indem er diesen bei ben leenässscen Veanden Comte d'Astorg weeg aer-
schreitung der Mainlinie denunzierte. Vgl. d'Astorgs Bericht vom 26. September. Les OCrigines D Wie.
rast atigues, XVIII, 347 ss. und die 25 des * R. v. Dalwigk zu Lichtenfels, ed. W. Schüßler.