8 Impf-Gesetz. Einleitung. Aus der ersten Lesung.
impfte Kinder in Masse sterben, dann ist es nieht gesagt, dass sie darum gestorben
weil sie nicht geimpft worden sind, sondern man kann den Grund nur darin suchen.
dass die sehleehte Ernährung und die angestrengte Fabrik-Arbeit der Mutter es nieht
dazu kommen liess, ein gesundes Kind zu gebären und noelı vie) weniger zu ernähren.
Daher also datirt die grosse Sterblichkeit der Kinder in den grossen tädten, und es
müsste in erster Linie dafür gesorgt werden, dass diesen Uebelständen abgeholfen
werde. Wenn beispielsweise die grossen Geldkosten , welehe bewilligt werden sollen
für die Einführung des Impfzwanges, verwendet würden dazu, dass ınan überal] öffentliche
Waseh- und Bade-Anstalten errichtete, wo die Frau des Volkes taum, Lielit
und Feuerung gratis erhielte, um ihre Wäsehe reinigen zu können, und wenn man die
Eltern zwänge, mindestens einmal in der Woehe ihr Kind zu baden und den Erwaehsenen
dies unentgeltlieh freistellte, dann würden Sie gegen die Epidemien den
ersten tüchtigen Damm gezogen haben; diesen Damm zu befestigen, würde eine weitere
Arbeit der Gesetzgebung |sein, wodureh es dem fleissigen Arbeiter ermöglicht wird,
dass er sich ordentlieh kleiden, ordentlich ernähren , sein Kind mit einem Butterbrode
zur Sehule, und nicht in die Fabrik schicken kann.«
Abgeordneter Dr. Zinn:
»Die Öffentliche Gesundheitspflege ist im Deutschen Reiche noch weit hinter dem
Stande zurück, den sie in anderen Staaten, namentlich in England, in den Niederlanden
und in einigen Kantonen der Schweiz eingenommen hat. Die Vorlage, hervorgegangen
aus der Initiative dieses Hauses, beweist mir, dass die Reiehs-Regierung die Bedeutung
der Öffentliehen Gesundheitspflege für das Volk wohl zu würdigen weiss, und dass sie
ernstlich bemüht ist, endlieh den gestellten bereehtigten Forderungen der Medizin im
Interesse der Öffentliehen Gesundheit gereeht zu werden, und in der That entsprieht die
Vorlage im Grossen und Ganzen allen den Anforderungen der dureh Wissensehaft und
Erfahrung festgestellten und dureh strenge Kritik gesieherten Thatsaehen. ....
Während im vorigen Jahrhundert ein Zehntel der Menschen an den Poeken
starben, und ein anderes Zehntel entstellt wurde, hat die Mortalität im ganzen seit Einführung
der Kuhpocken-Impfung bedeutend abgenommen, und die Mortalität an Poeken
ist auf ein Minimum rednuzirt. Gegenüber diesen auf statistisehem Wege festgestellten
Thatsaehen fallen die Bedenken, die man gegen die möglichen Nachıtheile geltend maeht,
aueh wenn sie begründet wären, nieht in die Wagschale. Ieh erlaube mir nur wenige
Zahlen anzuführen : in Kopenhagen starben von 1751 —1800 vor Einführung der Impfung
3128, naeh der Einführung von 1507—1850, 286 an Blattern. Ieh will Sie damit
nieht ermüden und sage nur, es liegt ein vollkommenes wissensehaftliehes Material vor;
die Frage ist längst spruchreif, und wir müssen froh sein, dass wir endlich einen Sehritt
weiter gehen dürfen. Die Gegner theilen sieh zunäehst in solehe, die überhaupt die
Impfung als sehädlieh betraehten. Für diese Ansieht ist aueh nieht eine einzige Thatsache
angeführt. Es ist riehtig und nieht zu leugnen und wird aueh am allerwenigsten
von den Aerzten geleugnet, dass die Mögliehkeit vorliegt, gewisse Krankheitstoffe bei
der Impfung zu übertragen. Der H. Abg. Löwe hat Ihnen bereits vorgeführt, dass seit
Einführung der Impfung in Württemberg seit 1818 trotz aller Rührigkeit der Gegner
aueh nieht ein einziger Fall von Uebertragung von Syphilis dureh die Impfung konstatirt
ist, und in Bayern sind unter etwa 8 Millionen Impfungen bisher etwa 2 bis 3 soleher
Fälle vorgekommen. M.H., es ist aber ganz wohl möglieh, dureh Vorsieht und Sorg-{alt
derartige Sehäden zu vermeiden, und dafür soll eben der Gesetz-Entwurf sorgen.
Es ist bemerkt worden, man könne sieh wohl den Impfzwang gefallen lassen, aber nieht
den Wider-Impfungszwang. Die ausserordentliehe Wohlthat der Impfung ist erst dann
segensreieh geworden, als man die Beobachtung maehte, dass sic nur für eine gewisse
Lebensdaner sehütze, dass also, wenn sie wirksam sein solle, sie wiederholt werden
müsse, — und das ist der Hauptvorzug der Gesetzes-Vorlage, dass sie diesen Zwang
aueh für die Revaceination einführen will.
M. H., es liegen Ihnen zahllose Petitionen vor, in denen dringend und warm gegen
die Impfung gesproehen wird. Erlauben Sie mir, dass ieh Ihnen nur eine ganz kleine
Blumenlese gebe. In einer der vorliegenden Petitionen — eines Vorstandes einer approbirten
sehwediseh-gymnastisehen Heil-Anstalt heisst es z. B.: , on
»»Der Kinder und Frauen liebliehe Rosenfarbe verwandelt sieh häufig in die
sehmutzig grüngelbe graue Farbe des Kuheiters, woher es kommt. dass die Sehönheit
der Deutsehen Frauen und Mädchen untergraben und ihre Hautfarbe vorändert ist.
Der Todtenhof in Wiehmannshausen erzählte mir vor einigen Jahren, dass er ın
einem Zeitraum von kaum vier Monaten 27 solcher Blumen in seinen küllen Sehooss
aufgenommen habe, und dass die Geister dieser Unsehuldigen umherirrten ‚ um ihre
„urückgeblicbenen Sehwestern und Brüder vor ihrem gemeinsamen Feinde und ihren
Peinigern zu warnen.««