Aus der zweiten Lesung. 11
dass derselben jeder haltbare Boden fehlt, ja ich halte eine Pocken-Statistik in Bezug
auf die Beurtheilnug der Impfung gegenwärtig noch für ganz unmöglich.««
Die Petenten sagen aber, es sei nicht bloss eine Niützlichkeits-Statistik der Pocken
aufzustellen, sondern auch eine Schädlichkeits-Statistik, das heisst, es wäre auch zu eTheben,
ob und in welchen und in wie viel Fällen sich nachtheilige Folgen an die Impfung
geknüpft haben. In dieser Richtnng bekämpfen sie den Satz der Medizinal-Deputation
dass keine verbürgte Thatsache dafür vorliege, dass die Iınpfung eine Gefahr für die
Gesnndheit der Mensehen in sich enthält. Die Petenten führen verschiedene Fälle dafiir
an, dass eben nur lediglieh in Folge der Impfung ein Impf-Fieber, ein Impf-Rothlauf
entstanden sei, ıınd sich bis zu tödtlichem Ansgange unter Umständen entwickele. Sie
machen aber weiter geltend, dass jetzt, während früher die Wissenschaft dies noch bestritten
habe, zugegeben werde, dass in einzelnen Fällen durch Impfung ansteckende
Krankheiten, als Syphilis, übertragen worden seien, und gerade dieser Umstand, die
Befürchtung, dass durch das Impfen solcheKrankheiten, solche Gefahren, solche Nachtheile
im einzelnen Falle entstehen können, gerade dieser Umstand ist es, welchen die
Petenten hauptsächlich betonen. Sie sehen gerade mit Rücksicht hierauf in dem Gesetz-Entwurfe
vorgeschlagenen Impfzwang, wie sie sagen, einen Eingriff in die persönliche
Freiheit, welche durch die Verfassung garantirt sei; sie sagen, es sei das eine
Missachtung der Elternrechte und eine fürchterliche Gewissens-Bedrückung der Eltern,
welche schon traurige Erfahrung durch die Impfung gemacht haben. Es treten auch
in mehreren Petitionen die Petenten mit der bestimmten Behauptung auf, dass Mitglieder
ihrer Familie eben vom Augenblick an erkrankt seien, ein und das andere sogar
darauf, und wie sie sagen, auch in Folge dessen gestorben.
Das Schluss-Petitum der Petenten geht hauptsächlich dahin, dass nicht ein Impfzwang
eingeführt werde. Die Petenten von Nordhausen, denen sich die meisten
der übrigen Petenten angeschlossen haben, bitten den Reichstag den allgemeinen Impfzwang,
wie er durch die Vorlage eingeführt werden soll, abzulehnen und den bereits
bestehenden Impfzwang aufznheben. Einige Petitionen gehen sogar so weit, dass sie
dem Reichstage vorschlagen wollen, es solle das Impfen überhaupt bei Strafe verboten
werden ; die meisten Petitionen wollen aber, dass die Sache jedem Einzelnen freigegeben
werde.«
Abgeordneter Reimer:
— —»Es wäre möglich, dass trotz allem Widerspruch, trotz aller Petitionen, die dem
Hohen Hanse unterbreitet worden sind, Sie dennoch vielleicht beschliessen, es solle der
Impfzwang eingeführt werden. Nun ich habe Ihnen bereits gesagt, dass diejenigen
Leute, welche sich gegen den Impfzwang ausprechen, keine Stellenjäger sind, dass sie
sich gegen die herrschende medizinische Richtung auflehnen, dass diese Leute auch
eine Ägitation ins Leben rnfen werden, und dass keinFall vorübergehen wird, wo durch
die Impfung das Leben und die. Gesundheit des Einzelnen gefährdet ist, der nicht anfgezeichnet
wird. Ich hoffe, in wenigen Jahren wird alsdann das, was jetzt zum Zwang
erhoben, Wohlthat der Menschheit genannt ist, wieder aufgehoben nnd nicht mehr Gesetz
sein. Wir wollen ja Niemand zwingen, sich nicht impfen lassen, — mögen Diejenigen,
welche die Impfung hoch und heilig halten, sich impfen lassen, — es soll nur
nicht der Impfzwang Gesetz werden. Wollen Sie ibn aber zum Gesetz erheben, dann
wäre es auch als ein Akt der Gerechtigkeit anzusehen, wenn von Sr. Majestät dem
Kaiser und den verbündeten Fürsten an bis zu den Herren vom Bundesrath und den
Herren hier im Hause sich alle zunächst freiwillig der Impfung unterwerfen, um das
Volk zn überzeugen, dass Sie die Impfung wirklich für gnt halten. «
Abgeordneter Dr. Elben:
»Sie haben aus der Mittheilung der Petitionen gehört, dass es hauptsächlich Vereine
waren, welche die Petitionen gegen das Impfen eingereicht haben, dass man den Zehntansenden
nach Unterschriften dafür gesammelt hat. Sie haben gehört, dass H. Vorredner,
welcher eine bestimmte politische Richtung hier vertritt, vielfach in agitatorischer
Weise in seinem Vortrage zu Werke gegangen ist, und dass er Ihnen am Schlusse
mit einer grossartigen Agitation gegen das (esetz gedroht hat. Ich glaube, das ist
nicht der richtige Weg bei einer Materie, welche so durelı und durch anf der Erfahrung
beruht, bei welcher lediglich die Resultate der Wissenschaft entscheidend sein können.
Hierzu etwas beizutragen, erlauben Sie mir dieErfahrungen aus meiner engeren Heimat,
aus Wiirttemberg, Ihnen vorzuführen. Ich thue das nm so mehr, als serade Wiirttemberg,
wie ich glanbe, ein schr lehrreiches Beispiel darbietet. Württemberg hat nänlich
die verschiedenen Stadien des Impfwesens vollständig durchgemacht, in alter
Jeit, wie überall, die schweren Folgen der Blattern-Krankheit, dann nach Einführung
der gesetzlichen Impf-Pflicht eine Reihe vou Jahrzehuten, glücklichen Jahr-