Reformation und Gegenreformation. 371
ohne klares Zweckbewußtsein für dasselbe Ziel zusammenwirken: Allgemeine Unzufriedenheit
über die Vergeblichkeit der mit großem Aufwande verschiedenster
Mittel von den Reformconcilien des vorangegangenen Jahrhunderts unternommenen
Anstrengungen, um die kirchliche Disciplin und das Papstthum von
ihren Auswüchsen zu reinigen. Sodann die Kräftigung des nationalen Bewußtseins
in den mittleren und nördlichen Staaten Europas, befördert durch
die Lockerung der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien.
Ferner wirthschaftliches Mißvergnügen, weit verbreitet durch ein financielles
Ausbeutungssystem, das die Romische Curie zur Verbesserung ihrer Einkünfte
unter gleichmäßiger Verletzung fürstlicher und städtischer Interessen gehandhabt
hatte. 1) Endlich das Wachsthum intellectueller Selbständigkeit im Zusammenhange
mit der humanistischen Weltanschauung und zunehmende Vertiefung
des religiösen Bewußtseins innerhalb der Germanischen Völkergruppen,
denen der damals vorwiegend ritualistische Charakterzug des Römischen Kirchenwesens
nicht genügte.
Keine der größeren Staatsbildungen rein Germanischen oder Romanischen
Ursprungs blieb von der reformatorischen Bewegung unberührt. Aber
in jedem derselben waren, je nach der Stärke und Anzahl der bei ihr zusammenwirkenden
Kräfte, die Erfolge dennoch verschieden. Wo wie in Spanien
der Volksgeist wesentlich unter der Nachwirkung Saracenischer Kämpfe
von dem kirchlichen Einheitstriebe oder wie in Italien von dem rein welltlichästhetischen
Interesse einer großartigen, von der alten Kirche und vom Papstthum
nicht loszulösenden Kunstepoche völlig beherrscht blieb, unterlag die reformatorische
Bewegung der Macht gewaltthätiger Unterdrückung durch die Inquisition,
obschon gerade unter Romanischen Völkern in Südfrankreich und
in Norditalien die Häresie bei den Albigensern, in dem Templerorden und bei
den Waldensern während des Mittelalters wahrnehmbarer als anderwärts
hervorgetreten war.)
In einer zweiten, nördlicheren Staatengruppe, wie in England, Schottland,
Schweden und Dänemark, in Ländern also, deren Beziehungen zum Römischen
Stuhl theils aus politischen, theils aus culturhistorischen Gründen minder
intensiv in das öffentliche Rechtsleben eingegriffen hatten, gelangte die Reformation
in Ermangelung hinreichend organisirter Widerstandkräfte zum vollständigen,
die Staatseinheit stützenden Siege.
Auf dem Boden dagegen der Mitteleuropäischen Culturländer entbrannte
zwischen den Vertheidigern der einheitlichen katholischen Hierarchie und ihren
Gegnern ein hartnäckiger Kampf, der theils mit althergebrachten geistlichen,
theils mit neuen weltlichen Waffen geführt wurde und zu einem endgiltigen
Austrage nicht gelangte. In solchen Staatsgebilden, wie in der Schweiz und
in den Niederlanden, in Frankreich und vornehmlich in Deutschland blieb als
Ergebniß eines die Völker tief ergreifenden Zwistes nichts anderes übrig als
nationale Bürgerkriege mit dem möglichen Ausgange einer erzwungenen Duldung
schwächerer Religionssysteme, wie nach dem Edict von Nantes (1598 in Frank-24*