§. 55. Die richterliche Thätigkeit. 179
welcher die Grundlagen der Rechtsordnung überhaupt
durch ein Verbrechen verletzt hat, sein Recht durch
Zuerkennung der rechtmässigen Strafe zu Theil werde
(strafrichterliche Thätigkeit), 2. die Fürsorge, dass
Demjenigen, welcher in seiner individuellen Rechtssphäre
verletzt ist, die Anerkennung und Wiederherstellung
seines Rechts gesichert werde (civilrichterliche
Thätigkeit). ¹
Der Staat erfüllt diese Aufgaben dadurch, dass er
nach Maassgabe einer gesetzlichen Gerichtsordnung
wohl besetzte Gerichte ² aufstellt, welche innerhalb ihrer
Sprengel im Namen des Monarchen Recht sprechen.
Das Verfahren vor diesen Gerichten ist durch das Processrecht
geordnet. Zugleich ist durch die Einrichtung
höherer und höchster Gerichtshöfe die Möglichkeit der
processrechtlich zulässigen Berufungen gesichert. ³ Die
Rechtsprechung selbst geschieht allein nach den Regeln,
welche die Rechtswissenschaft über die Findung des
Rechts aufstellt; der Richter hat nie ein ihm von Aussen
gewiesenes, sondern immer nur das von ihm selbst er-⁴
Eine sehr ansprechende Darlegung des inneren Zusammenhangs
der Criminal- und Civilgerichtsbarkeit giebt Regelsberger
in Pözl’s kritischer Vierteljahrsschrift 4. Bd. (1862) S. 67 flg.
Doch aber betont er für seinen Zweck zu sehr, dass auch die
Strafrechtsverhältnisse sich nicht unmittelbar auf den Staat, sondern
vielmehr auf die allgemeinen Grundlagen der sittlichen
Lebensordnung beziehen.
² Diese Gerichte können nach ihrer inneren und äusseren
Organisation sehr verschiedenartig sein. Eine Uebersicht siehe
bei Wetzell, System des Civilprocesses §. 36. und 37.
³ Ueber alle diese Punkte erstrecken sich die Reichsjustizgesetze
von 1877.
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