Full text : Jahrbuch der Preußischen Forst- und Jagdgesetzgebung und Verwaltung. Siebenundzwanzigster Band. (27)

110  Das  Volk.

Cholerine  mit  raschem  Collapsus.  Vielleicht  sind  die  Wurstvergiftungen
durch  eine  rationellere  Behandlung  der  Würste  seltener  geworden.  Jeden—
falls  sind  sie  immer  noch  der  größten  Aufmerksamkeit  würdig.

Von  den  menschlichen  Parasiten  endlich  verdienen  nur  die
Bandwürmer  und  die  Trichinen  eine  nähere  Erwähnung.

Die  Bandwurmkrankheit  scheint  auch  bei  uns  in  ziemlicher
Häufigkeit  vorzukommen.  Doch  ist  es  bis  jetzt  unmöglich,  die  prozentische
Zahl  der  Kranken  für  das  ganze  Land  oder  für  einzelne  Theile  desselben
überhaupt  anzugeben.  Früher  wurde  nur  der  Bandwurm  des  Schweines,
Taenia  Solium,  als  vorhanden  angenommen;  aber  nach  wiederholten
Beobachtungen  scheint  auch  die  Taenia  mediocanellata,  welche  der
Finne  des  Rindes  entspricht,  nicht  selten  zu  sein.  Die  letztere  Art  zeigt
sich  namentlich  bei  Kindern,  welche  aus  medizinischen  Gründen  eine  Zeit
lang  geschabtes,  rohes  Ochsenfleisch  genossen  haben.  Was  die  Schweinefinne
  betrifft,  so  wird  diese  auffallend  selten  in  dem  Fleisch  der  württembergischen
  Landrasse  gefunden;  viel  häufiger  zeigt  sie  sich  in  Schweinen
der  ungarischen,  polnischen  und  hessischen  Rasse.  Die  Finne  der  Taenia
mediocanellata  ist  seit  dem  Bestehen  der  technischen  Fleischbeschau
im  Stuttgarter  Schlachthause  nur  einmal  in  einem  Rinde  aufgefunden
worden  (Stadtdirektionsthierarzt  Saur).

Bothriocephalus  latus  kommt  in  Württemberg  nur  selten
vor  durch  Einschleppung  aus  anderen  Ländern,  besonders  aus  der  französischen
  Schweiz.

Die  Trichinenkrankheit  war  bis  vor  Kurzem  in  Württemberg
nirgends  zur  Beobachtung  gekommen.  Vor  einigen  Jahrzehnten  (1849)
hatte  Professor  Dr.  Luschka  auf  der  Tübinger  Anatomie  die  Leiche
einer  Frau  untersucht,  welche  voll  von  eingekapselten  Trichinen  war.  Die
Frau  war  1781  in  der  Schweiz  geboren;  dann  hatte  sie  lange  Zeit  als
Marketenderin  mit  den  Napoleonischen  Heeren  Norddeutschland  durchzogen,
und  endlich  war  sie  als  Bettlerin  in  Oberschwaben  gestorben.  Gewiß
hatte  sie  ihre  alten  Trichinen  nicht  in  Württemberg,  sondern  während  ihrer
längeren  Wanderungen  in  Norddeutschland  erworben.

Der  erste,  konstatirte  Fall  von  Trichinenkrankheit  erschien  in  Crailsheim
  im  Januar  1879.  Es  erkrankte  dort  ein  Mann,  seine  Frau  und
sein  Knabe,  nachdem  sie  von  einem  schwach  geräucherten  Schinken  theils  in
gekochtem,  theils  in  rohem  Zustand  genossen  hatten.  Der  Schinken  war
durchspickt  von  zahllosen,  ausgebildeten,  eingekapselten  Trichinen.  Der
Mann  und  die  Frau  starben;  das  Kind  genas.  Die  Sektion  wies  bei
den  beiden  ersten  die  Richtigkeit  der  Diagnose  nach.  Der  Schinken  stammte
aus  Burgsinn,  einem  Dorf  in  der  Nähe  von  Gemünden  im  bayrischen
Unterfranken.  Der  Pfarrer  des  Dorfes,  der  Bruder  des  in  Crailsheim