284 11. Das Vorspiel des Krieges. Der Krieg 1866
gemäßigte Liberale waren in stärkerer Zahl gewählt. Schon
vor dem Kriege hatte sich Bismarck stark mit Gedanken der
Versöhnnng getragen. Am 20. Juni hatte er in heller
Sommernacht im Garten seiner Ministerwohnung ein Gespräch
mit dem Liberalen von Unruh, in welchem sich sehr deutlich
der Gedanke der Versöhnung kund tat. Diese Grundstimmung
blieb in ihm. Am 3. August befand er sich mit dem Könige
in Prag. Von dort schreibt er an seine Frau: „Großer
Zwist im Ministerium über die Thronrede; Lippe führt das
große Wort im conservativen Sinne gegen mich, und Hans
Kleist hat mir einen aufgeregten Brief geschrieben. Die Leutchen
haben alle nicht genug zu thun, sehn nichts als ihre eigne
Nase und üben ihre Schwimmkunst auf der stürmischen Welle
der Phrase. Mit den Feinden wird man fertig, aber die
Freunde! Sie tragen alle Schenklappen und sehn nur Einen
Fleck von der Welt.“ In diesen Tagen trafen Abgeordnete der
konservativen Fraktion beim Könige ein, die Versuche machten,
den günstigen Augenblick dem ungeschickten und ehrgeizigen
Eigensinn der Führer der Opposition gegenüber zu ergreifen,
um die Verfassung zeitweilig außer Kraft zu setzen und einer
Durchsicht zu unterziehen. Eine Unterlage war geboten durch
einen Artikel der Verfassungsurkunde, der zur Unterordnung der
preußischen unter eine neu zu schaffende deutsche Verfassung berechtigte.
Bismarck setzte sich sehr stark in Gegensatz zu solchen
Bestrebungen. Irgendwelche absolutistische Versuche verschütteren
seiner Meinung nach die Bahn deutscher Politik, schwächten
die durch den Sieg erreichte nationale Kraft Preußens. Vor
diesem Siege hätte er nie von „Indemnität“ gesprochenz jetzt
verlangte er diesen Ausdruck als versöhnenden Einschlag in
der Thronrede. Was er darunter verstanden wissen wollte,
legte er seinem Könige auf der Fahrt von Prag nach Berlin
dar. Das Verlangen nach Indemnität, nach Freisprechung von
jeder Schuld, sei kein Eingeständnis begangenen Unrechts; in
der Gewährung der Indemnität liege nichts weiter als die
Anerkennung der Tatsache, daß Regierung und König, wie die
Dinge lagen, richtig gehandelt hätten; die Regierung habe eben