Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

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Ostererlaß,  Bezeichnung  des  preuß.  Erlasses  vom
7.  April  1917  betr.  der  Wahlrechtsvorlage,  s.  Preujen,
  S.  317.  Die  Osterbotschaft  des  Reichspräsidenten
  Ebert  vom  7.  April  1919  befaßte  sich  mit  der  Friedensfrage
  (7Friede,  Brot,  Arbeite).

Ssterreich-Ungarn.  O.8  Geschichte  (vgl.  Vd.  I,
S.  46  ff.  sowie  Bd.  II,  S.  22ff.)  war  seit  1867,  dem
Ausgleich  zwischen  den  beiden  =  Reichshälftene,  ein
ununterbrochener  innerer  Kampf  um  die  Gewinnung
eines  wirklichen  Ausgleichs  der  einander  widerstrebenden
  politischen  Strömungen  (vgl.  Bd.  I,
S.  57  f.).  Die  Mordtat  von  Sarajewo  (28.  Juni
1914),  die  die  Dynastie  ihres  Thronerben  Franz  Ferdinand
  beraubte,  stellte  an  die  Regierung  die  offene
Frage:  unaufhaltsamer  Verfall  oder  Kampf  ums
Ganze.  Indem  sich  die  Regierung  damals  mit  der
Mehrheit  der  Bevölkerung  (mit  Ausnahme  der  Tschechen)
  für  das  letztere  entschied,  wählte  sie  den  ehrenvollen
  Untergang  und  zog  den  deutschen  Verbündeten
mit  ins  Verderben,  während  der  dritte  Verbündete,
Jtalien,  von  vornherein  nicht  mehr  als  Kampfgenosse
in  Frage  kam  (vgl.  Bd.  I,  S.  18  ff.  und  S.  65  ff.).

Auswärtige  Politik.  Von  bestimmendem  Einfluß
  auf  die  auswärtige  Politik  waren  stets  die  Verhältnisse
  auf  dem  Balkan,  zu  denen  O.  aber  angesichts
  der  verzwickten  politischen  Faktoren  keine  einheitliche
  Haltung  annahm  (vgl.  Bd.  I,  S.  51  ff.).  Nachdem
  die  Duldung  der  großserbischen  Propaganda  bis
zu  der  Bluttat  von  Sarajewo  gediehen  war,  schlug
die  österr.-ungar.  Politik  plötzlich  in  der  Note  an
Serbien  (23.  Juli  1914;  s.  Bd.  I,  S.  136  ff.)  zu  energischer
  Abwehrhaltung  um.  Die  Folge  war  unzweideutige
  Ablehmung  Serbiens,  der  die  Kriegserklärung
Os  (28.  Juli)  auf  dem  Fuße  folgte.  In  wenigen
Tagen  erweiterte  sich  der  zunächst  lokale  Konftitr
zum  europäischen,  indem  sich  Rußland  einmischte  und
dadurch  der  europäische  Bündnismechanismus  in
Tätigkeit  trat.  Am  6.  Aug.  erklärte  O.  an  Rußland,
am  27.  an  Belgien,  am  13.  England  an  O.  usw.  den
Krieg.  Am  12.  Okt.  begann  der  Prozeß  in  Sarajewo,
in  dessen  Urteil  (28.  Okt.)  die  Hauptschuldigen  zu  20
Jahren  schweren  Kerkers  verurteilt  wurden  (s.  Sarajewo).
  Die  auswärtige  Politik,  deren  Leitung  am
13.  Jan.1915  an  Berchtolds  Stelle  Baron  Burian
übernahm,  war  im  Winter  1914/15  völlig  von  den
Verhandlungen  mit  Italien  beherrscht.  Deutschland
übte  durch  seinen  Botschafter  Fürsten  Bülow  in  Rom
einen  starken  Druck  auf  den  sehr  schwer  zu  Zugeständnissen
  bereiten  Verbündeten  aus.  Das  völlig  von
der  Entente  eingefangene  Italien  war  aber  im  Mai
1915  durch  keine  noch  so  großen  -Kompensationen-(für
  die  eventuellen  Balkaneroberungen)  mehr  vom
Losschlagen  abzuhalten;  am  23.  Mai  erklärte  es  O.
den  Krieg.  In  der  folgenden  Zeit  wurde  O.  in  den
deutsch-amerikan.  Notenwechsel  hineingezogen,  in  dem
es  den  Verbündeten  durch  Parallelnoten  geschickt
unterstützte.  Den  Versuch  des  österreichischen  de  andten
  Duniba,  seine  Landsleute  von  der  Arbeit  in  Munitionsfabriken
  abzuhalten,  nahm  die  amerikan.  Re-Herun
  zum  Anlaß,  dessen  Abberufung  zu  verlangen.
Eine  Note  der  Vereinigten  Staaten  über  die  Versenkung
  der  „Ancona-  beantwortete  die  österr.  Regierung
  Dez.  1915  ablehnend;  der  weitere  Notenwechsel
  hierüber  verlief  ergebnislos.  Dem  neuen
Gesandten  Grafen  Tarnowsli  verweigerte  England
am  8.  Dez.  1916  das  freie  Geleit;  als  es  endlich  durchgesetzt
  wurde,  war  bereits  der  Abbruch  der  Beziehungen
erfolgt  (9.  April),  nachdem  O.  s  Verteidigung  des  Unter-Ostererlaß

  —  Osterreich-Ungarn

seebootkrieges  in  dem  Aide-Memoire  vom  5.  März
1917  Wilson  nicht  hatte  Überzeugen  können.  Dieses
Memeoire  war  die  erste  diplomat.  Leistung  des  am
22.  Dez.  1916  an  Burians  Stelle  ernannien  neuen
Außenministers  Grasen  Ottokar  Czernin  (vorher
Gesandter  in  Bukarest),  der  in  erster  Linie  eine  auf
baldigsten  Friedensschluß  abzielende  Politik  verfolgte,
die  sich  von  der  des  deutschen  Bundesgenossen  mehr
und  mehr  entfernte.  Dennoch  war  er  ein  unbedingter
Anhänger  des  mitteleuropäischen  Bündnisgedankens;
als  der  ohne  sein  Wissen  1916  geführte  Briefwechsel
des  Kaisers  Karl  mit  seinem  Schwager  Prinz  Sixtus
von  Parma  über  die  Möglichkeit,  den  Frieden  durch
unmittelbare  österr.-franz.  Fühlungnahme  herbeizuführen,
  im  April  1918  bekannt  wurde,  trat  er  zurück.
und  Baron  Burian  übernahm  wieder  die  auswärtigen
  Geschäfte.  Die  überzeugung  war  in  O.  schon  seit
geraumer  Zeit  allgemein,  daß  die  Doppelmonarchie
den  Krieg  nicht  länger  führen  könne.  Da  die  Herbei
führung  des  Friedens  an  der  Hartnäckigkeit  der  Gegner
scheiterte,  erfolgte  der  Zusammenbruch  im  Herbst  1918
durch  die  inzwischen  unaufhaltsam  vorgeschrittene  Demoralisation
  der  Armee  und  Zersetzung  im  Innern.
Die  gesamte  österr.-ungar.  Front  wurde  sozusagen
von  innen  her  aufgerollt,  wie  ein  Blick  auf  die  innerpolitische
  Entwicklung  im  Kriege  zeigt.

Die  Regierung.  Die  wichtigste  Tatsache  der  Geschichte
  O.s  von  1914—19  ist  der  Tod  des  greisen
Kaisers  Franz  Joseph  (21.  Nov.  1916),  in  dessen  Person
  sich  die  österreichische  Staatsidee  verlörperte.  Sein
Erbe  fiel  an  den  jugendlichen,  Noch  unreifen  Erzherzog
  Karl  (I.  bzw.  IV.,  geb.  1887),  der  bis  dahin
als  Heerführer  tätig  gewesen  war.  Eine  zu  Vertrauen
u.  Versöhnung  geneigte,  dem  Pazifizismus  ergebene
Natur,  sah  er  es  für  seine  erste  Aufgabe  an,  die  im
Kriege  hervorgetretenen  Risse  im  österr.  Staalsbau
durch  Begnadigungen  und  Versöhnungen  zu  überkleben
  und  so  rasch  wie  möglich  den  Frieden  herbeizuführen;
  er  arbeitete  dabei  mit  den  Mitteln  der  alten
Kabinettspolitik,  indem  er  an  seine  parmisch-bourbonischen
  Verwandten  herantrat,  und  erntete  dafür  Mißtrauen
  und  Mißbilligung.  Mit  der  Abdankung  des
Herrschers  am  11.  Nov.  1918  und  dem  Hause  Habs
burg  verschwand  zugleich  die  zgemeinsame  Regierungt
  und  die  kaiserliche  Reichsregierung.
An  ihrer  Spitze  stand  bei  Kriegsausbruch  (seit  1911)
Graf  Stürgkh,  der  von  Kriegsbeginn  an  ohne  Parlament
  gemäß  §  14  der  Verfassung  Peei-  die  Erbitterung
  hierüber  stieg  immer  mehr,  ihr  fiel  Stürgkh
am  21.  Okt.  1916  zum  Opfer,  als  ihn  der  Sozialdemokrat
  Friedrich  Adler  in  Wien  erschoß.  Das  Kabinett
  trat  darauf  zurück,  und  v.  Kverber  übernahm
das  Präsidium  in  der  Absicht,  zu  den  schwebenden  Ausgleichsverhandlungen
  mit  Ungarn  das  Parlament  einzuberufen;
  er  kam  aber  nicht  dazu,  da  ihn  bereits  am
22.  Dez.  Graf  Clam-Martinißz  ablöste,  der  am  30.
Mai  1917  endlich  den  Reichsrat  einberief,  unmittelbar
  darauf  aber  zurücktrat  (2.  Juni);  Sektionschef
Ritter  v.  Seidler  wurde  mit  der  Kabinettsbildung
betraut  und  führte  die  Geschäfte  bis  1918.  Ihm  folgle,
Juli  bis  Okt.  1918,  Frhr.  Hussarek  von  Heinlein
u.  27.—31.Okt.  Lammasch.  Gemeinsamer  Minister
der  auswärtigen  Angelegenheiten  war  1912—  15  Graf
Berchtold,  1915—16  Baron  Burian,  1916—18  Gras
Czernin,  1918  (April  bis  Okt.)  Varon  Burian,  Okt.
1918  Graf  Andrässy.  Die  oberste  Heeresleitung  lag
15.  Juli  1914  bis  2.  Dez.  1916  (bis  11.  Febr.  1917
noch  als  Stellvertreter)  in  der  Hand  des  Erzherzogs